Zur Erinnerung an Patrice Lumumba

19.01.2022

Der Juli 1960 war für Millionen Menschen ein hoffnungsvoller Augenblick im weltweiten Kampf gegen den Kolonialismus. Die belgischen Kolonialisten, von denen die Menschen im Kongo so furchtbar gequält und ausgebeutet worden waren, sahen sich gezwungen, dieses große und an Bodenschätzen reiche Land zu verlassen. Die Republik Kongo war geboren und einer ihrer Führer war der feurige, junge antikolonialistische Politiker namens Patrice Lumumba. Der belgische König Baudouin I kam nach Leopoldville um den Kongo persönlich für unabhängig zu erklären. Eine gegenseitige Huldigung von Kolonialisten und Kolonialisierten wurde erwartet, um eine Beziehung zu festigen, die sich nicht viel von der vergangenen unterschied. Doch Lumumba, der neue Premierminister, nahm das Mikrophon und sprach über das Radio zum kongolesischen Volk:

"Es war unser Schicksal, 80 Jahre lang unter einem Kolonialregime zu leben. Unsere Wunden sind zu frisch und zu schmerzvoll, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir wurden zu aufreibender Arbeit gezwungen, für die wir Löhne bekamen, die uns nicht ermöglichten unseren Hunger zu stillen, anständig zu wohnen, zu kleiden oder unsere Kinder fürsorglich aufzuziehen. Als "Neger" haben wir Witze, Beschimpfungen und Demütigungen ertragen müssen ... Unser Land wurde beschlagnahmt im Namen von Gesetzen, in denen nur die Macht als Recht anerkannt wird. Diese Gesetze waren nicht gleich für Weiße und Schwarze, für die einen waren sie entgegenkommend, für die anderen grausam und unmenschlich. Die für ihre politischen oder religiösen Überzeugungen verurteilt wurden, mussten entsetzliche Leiden ertragen, in ihrem eigenen Land verbannt war ihr Schicksal grausamer als der Tod. In unseren Städten gab es großartige Häuser für die Weißen und schäbige Hütten für die Schwarzen; Schwarze wurden der Eintritt in die Kinos, Restaurants und Kaufhäuser der Weißen verwehrt; Schwarze mussten im Laderaum reisen zu den Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen. Wer könnte je die Massaker vergessen, in denen so viele unserer Brüder und Schwestern starben? Oder die Zellen in die die gesteckt wurden, die sich weigerten, sich diesem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung zu unterwerfen? All das mussten wir ertragen. ... Aber nun haben uns eure gewählten Vertreter das Recht gegeben, unser geliebtes Land zu regieren. Wir, deren Körper und unseren Seelen durch die koloniale Unterdrückung gelitten haben, wir sagen euch nun laut, dass dies nun zu Ende ist. Die Republik Kongo wurde ausgerufen und das Land ist nun in den Händen seiner Kinder".

Die Worte über die Vergangenheit waren wahr, aber Lumumba's Worte über die Zukunft leider ein Irrtum. Das Land war nicht in den Händen "seiner eigenen Kinder". Hinter der Fassade einer formalen Unabhängigkeit, hatten belgische Offiziere noch immer die Kontrolle über die kongolesische Armee und die Bergwerksgesellschaften über den Reichtum des Landes und den korrupten Verwaltungsapparat. Geheimagenten des CIA, des belgischen Geheimdienste und andere Mächte arbeiteten Tag und Nacht daran, die Macht auf Dauer in die Hände solcher Leuten zu transferieren, die für die Interessen der Imperialisten arbeiten. Zwei Hundert Tage nach seinem Amtsantritt wurde Patrice Lumumba von den Agenten des Imperialismus ermordet. Das war ein herzzerreißender Augenblick und eine bittere Erfahrung für alle unterdrückten und fortschrittlichen Menschen. Heute, 42 Jahre später, sind die afrikanischen Länder zwar unabhängig, aber die Menschen warten noch immer auf Befreiung. Heute ist der Kongo gespalten durch verschiedene Kriegsparteien, die von rivalisierenden Mächten unterstützt und gegeneinander aufgehetzt werden.

König Leopolds Revier

Der Kongo donnert in den Atlantischen Ozean nach einer Reise von Zentralafrika über Tausende Meilen durch Regenwälder, Savannen und die Länder von 200 Völkern. Im Jahr 1885, nach 300 Jahren europäischen Sklavenhandel an der atlantischen Küste, nahm der belgische König Leopold II das große Becken des Kongos in seinen persönlichen Besitz. Seine Ansprüche wurden anerkannt von der berüchtigten Berliner Konferenz 1886, wo sich die europäischen Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent aufteilten. König Leopold installierte in dem Land, das 80 mal größer als das kleine Kolonialland Belgien war, ein Netzwerk von Militärposten und Sklavenarbeitslagern. Die Brutalität, die gegen die Afrikaner in diesen Lagern ausgeübt wurde, gehören zu den grausamsten und schrecklichsten der überlieferten Geschichte. Mit Gummi, Holz und Palmöl, die aus dem Regenwald gesaugt wurden, bereicherten sich belgische und amerikanische Kapitalisten, unter ihnen Guggenheim und Rockefeller. In nur 20 Jahren dieser mörderischen Operationen sank die Bevölkerung des Kongo von 25 auf 15 Millionen Menschen.

Nachdem in der Bevölkerung Revolten ausgebrochen waren, änderte Belgien ihre Regierungsform und nahm 1908 die direkte Kontrolle über diese wertvolle Kolonie. Während der nächsten Dekaden gab es große Veränderungen, als die Kolonialisten begannen, die reichen Kupferfelder in der isolierten südlichen Provinz Katanga und die Diamantenfelder von Kasai auszubeuten. Während des Zweiten Weltkriegs lieferten die Bodenschätze des Kongos den Imperialisten wichtige Rohstoffe für ihre Waffen (einschließlich Titan und 65 % der Weltvorkommen von Kobalt). Auch das Uran für die Atombomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden stammte aus dem Kongo. Durch die Produktion für den Krieg vermehrte sich die Arbeiterklasse im Kongo und die Hauptstadt Leopoldville wuchs auf das Zehnfache zu einer Großstadt mit 300.000 EinwohnerInnen.

Der Kampf gegen den Kolonialismus

Der Zweite Weltkrieg hatte die traditionellen Kolonialmächte geschwächt. Ein Sturm breitete sich über ganz Asien, Afrika und Lateinamerika aus. In 50 asiatischen und afrikanischen Länder wurde die Unabhängigkeit erklärt. Die Imperialisten konnten das Feuer der nationalen Befreiung nicht stoppen und das alte Kolonialsystem brach zusammen. Im Kongo war die Situation für die Befreiungskämpfer durch die extreme Unterdrückung besonders schwer. Die Macht war in den Händen der belgischen Siedler, die den Befehl über Armee und Polizei und Regierung und Wirtschaft in den Händen hatten. Mit wenigen Ausnahmen wurde der kongolesischen Bevölkerung eine höhere Ausbildung als die Grundschule verboten und die belgischen Kolonialisten verfolgten die Taktik "teile und herrsche", indem sie Feindschaften zwischen Völkern und Regionen anstachelten.

An der Spitze der Unabhängigkeitsbewegung stand die Kongolesische Nationale Bewegung (MNC), die von Patrice Lumumba angeführt wurde, einem jungen Aktivsten aus der Region von Stanleyville (heute Kisangani). Die Kolonialregierung antwortete auf den Kampf für einen vereinigten und freien Kongo mit Repression: Lumumba und seine Genossen verbrachten lange Zeit in belgischen Gefängnissen. 1959 entschied Belgien, die formelle Unabhängigkeit möglichst schnell zu verleihen, damit sie - nach Vorbild der Briten in Indien und der Franzosen in Westafrika - eine Regierung nach ihrer Wahl einsetzen könnten. Dabei wurde Belgien von den USA unterstützt, die ihre eigenen Pläne für den Kongo hatten. Der MNC plante, die Wahlen, die von den Belgiern organisiert wurden, auszunützen, um die Kontrolle über den Kolonialapparat, das Militär und die Polizei zu übernehmen. Die reichen Naturressourcen sollte dem kongolesischen Volk dienen, damit es einen gleichberechtigten Platz unter den Nationen der Welt bekomme. Um ein Anwachsen der Stärke des MNC zu verhindern, beeilten sich die Belgier mit der Gewährung der Unabhängigkeit. Im Juli 1960 über nahm eine neue unabhängige Regierung die Regierung über den Kongo. Der MNC hatte die Stimmenmehrheit und Lumumba wurde Premierminister.

Die tödliche Intrige

Der MNC hatte auf einen friedlichen Übergang der Macht gehofft und dabei versäumt, eine eigene Volksarmee zu bilden. Das sollte sich als verhängnisvoller Fehler erweisen. Die Imperialisten erkannten schnell, dass Lumumba eine Gefahr für ihre Pläne darstellte und mobilisierten Kräfte, um Spaltung und Chaos hervorzurufen und Lumumba zu isolieren. Lumumba hatte zwar die Unterstützung des Volkes, aber Armee und Minengesellschaften waren noch in den Händen der Kolonialisten. Als die belgischen Bürokraten ihre Büros verließen, nahmen sie buchstäblich alles mit - alle Akten und Berichte, sogar die Telefone - um die neue Regierung zu sabotieren. In der Armee brachen Revolten aus, die schwarzen Soldaten verweigerten die Befehle ihrer weißen Vorgesetzten, und die weißen Offiziere weigerten sich, die Befehle der Regierung auszuführen. Ausländische Geheimdienste, besonders der CIA, arbeitete intensiv daran, das Land zu destabilisieren und Leute in der Armee und in der Regierung für sich zu gewinnen. Einer ihrer Männer war Joseph-Desiré Mobuto, ein früherer Sergeant der Kolonialpolizei, dem die neue Regierung das Kommando über die Armee übertrug.

Währenddessen hatten die Minengesellschaften sichergestellt, dass die Regionen mit den wertvollen Bodenschätzen in ihren Händen blieben. Einen Monat nach dem Amtsantritt von Lumumba in Leopoldville, erklärte ihre Marionette Moïshe Tshombé die Abspaltung der Provinz Katanga. Die belgische Regierung versuchte diese Destabilisierung auszunützen und erneut ihre Truppen ins Land zu schicken. Doch gegen diesen Versuch regte sich eine Welle des Widerstands. Verzweifelt wandte sich Lumumba an die UNO und an die Sowjetunion. Doch vergeblich: Die Sowjetunion schickte zwar Berater und Agenten, aber eine wirkliche Unterstützung wurde ihm verweigert. Die verschiedensten reaktionären und imperialistischen Kräfte kämpften nun um die Macht im Kongo und Lumumba fand sich mehr und mehr isoliert.

Ende September 1960 startete Colonel Mobuto mit der Hilfe des CIA einen Putsch und unterdrückte alle politischen Organisationen in der Hauptstadt. Kurz danach wurde Lumumba unter Hausarrest gestellt. Am 27. November schaffte er es nach Stanleyville zu fliehen. Die UNO-Truppen sahen tatenlos zu, als Lumumba am 2. Dezember erneut von den Truppen Mobutos gefangen und verschleppt wurde. Er wurde zuerst nach Leopoldville geflogen und den versammelten Journalisten vorgezeigt. Ein Monat später wurde er nach Katanga geflogen und der Tshombe Marionettenregierung zur Exekution übergeben. Am 17. Jänner 1961 wurde Lumumba und zwei seiner engsten Verbündeten, Mpolo und Okito von einem Exekutionstrupp unter der Führung eines belgischen Captain erschossen. Lumumba war 35 Jahre alt, als er starb. Er war nur wenige Monate im Amt gewesen. Sein Tod erfüllte Millionen von freiheitsliebenden Menschen auf der ganzen Welt mit Trauer.

Tshombe führte die neue pro-imperialistische Regierung an, nur um dann von General Mobuto ersetzt zu werden, der sein Land Jahrzehnte lang gnadenlos ausbeutete. Die imperialistischen Mächte arbeiten weiterhin daran, die reichen Bodenschätze in ihren Händen zu behalten. Die Intrigen und Verteilungskämpfe haben das Land wieder einmal zerstört und gespalten hinterlassen. Heute, wo sich so viele Menschen auf der Welt nach Befreiung sehnen, können die Tage Patrice Lumumbas als Lehre über die Erbarmungslosigkeit von Imperialismus und Neokolonialismus dienen.

erschienen in: Talktogether Nr. 4/2003

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