Kulturgeschichte der Menstruation
Obwohl die Hälfte der Menschheit rund vier Jahrzehnte ihres Lebens Regelblutungen hat, ist die Menstruation bis heute oft noch ein Tabuthema. Historisch wurde sie von negativen Zuschreibungen geprägt, die von religiösen Verboten bis zu Theorien über giftiges Blut reichen. Andererseits gibt es in vielen Kulturen auch positive kulturelle Praktiken wie die Feier der ersten Blutung. Seit einigen Jahrzehnten gibt es eine globale Bewegung, die für einen offeneren Umgang mit der Periode eintritt.
Zauberkraft und Stigma
Viele Kulturen sahen die Menstruation als eine Zeit an, in der Frauen spirituelle Kräfte besitzen. Im antiken Rom schrieb Plinius der Ältere, dass eine menstruierende Frau, die ihren Körper entblößt, Hagelstürme, Wirbelwinde und Blitze vertreiben und die Ernte von Schädlichen befreien kann. Bei den Māori in Neuseeland galt die Menstruation als Medium, das die Frauen mit den Gottheiten verband. Auch dem Menstruationsblut wurden magische Kräfte zugeschrieben – positive wie negative. Die Cherokee glaubten, dass dieses Blut die Macht habe, Feinde zu vernichten, in Europa dagegen wurde ihm lange nachgesagt, es könne Lebensmittel verderben.
Die zyklische Wiederkehr der weiblichen Blutung wurde früh mit dem Mond verbunden. Die Kalender der Babylonier wie der Römer basierten auf den Mondphasen. Menstruation, Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit bildeten sich ihrer Auffassung nach im Mondzyklus ab. In den mesopotamischen Mythen galt die Muttergöttin Ninhursag als Schöpferin, die Menschen und andere Lebewesen aus Lehm und ihrem eigenen Blut formte. Der Name Adam in der biblischen Schöpfungsgeschichte leitet sich vom hebräischen "adamah" ab, was so viel wie feuchte oder blutige Erde bedeutet. Im indischen Assam findet jedes Jahr im Juni, wenn sich der Brahmaputra durch eisenreiche Sedimente aus dem Himalaya rot färbt, eine Zeremonie für die menstruierende Kamakhya statt, die als Göttin der Begierde und der Fruchtbarkeit verehrt wird.
In vielen indigenen Kulturen Amerikas, Ozeaniens und Südasiens und wird die Menarche – die erste Regelblutung – mit einem Fest gefeiert, das von zahlreichen Riten begleitet wird. Auch in Japan hat die erste Monatsblutung einen besonderen Stellenwert. Zu Ehren der heranwachsenden Frau wird rot gefärbter Reis gekocht, und sie wird reich beschenkt. Es ist nachgewiesen, dass Mädchen, die ihre erste Menstruation als positives Ereignis erleben, seltener an Zyklusbeschwerden leiden und einen positiveren Zugang zu ihrem Körper und ihrer Weiblichkeit haben.
Menstruationshütten – Verbannung oder Rückzugsort?
In vielen Kulturen ist die weibliche Menstruation jedoch negativ behaftet. Das Menstruationsblut wird als unrein angesehen, und es ist verboten, dass Männer es zu sehen bekommen. Im Westen Nepals gibt es deshalb den Brauch, dass die Frauen die Zeit ihrer Menstruation in einer Hütte außerhalb des Dorfes verbringen müssen, was für sie nicht nur eine Diskriminierung, sondern oft auch eine Gefahr darstellt.
Kulturvergleichende Studien zeigen jedoch, dass Tabus rund um die Menstruation zwar nahezu universell existieren, aber unterschiedliche, oft sogar gegensätzliche Bedeutungen haben. In manchen traditionellen Gesellschaften wird die Absonderung während der Zeit der Menstruation von den Frauen als schützend empfunden, da sie ihnen einen Raum bietet, der frei ist von unerwünschtem sexuellen Druck und häuslichen Pflichten. Manche Ethnolog*innen gehen davon aus, dass die Frauen die Zeit der Periode ursprünglich selbst als eine Zeit festgelegt hatten, in der ihre Körper nicht berührt werden durften und sie sich erholen konnten. Es liegt demnach der Schluss nahe, dass das Patriarchat und die damit verbundene untergeordnete Stellung der Frau das Tabu in etwas verwandelt haben, das die weibliche Autonomie beeinträchtigt, anstatt sie zu stärken.
Die Forschungen der Anthropologin Wynne Maggi, die jahrelang bei den Kalash im Distrikt Chitral im Nordwesten Pakistans gelebt hat, stützen diese Annahme. Maggi beschreibt das gemeinschaftliche Bashali (Menstruationshaus), in dem auch Kinder auf die Welt gebracht werden, als "heiligen Ort", der von den Männern respektiert und von den Frauen als Ort der Freiheit empfunden wird. Hier können sie sich gemeinsam von den Alltagspflichten ausruhen und ihre Bedürfnisse ohne Scham oder Einschränkungen achten, wodurch auch der Zusammenhalt der Frauen gestärkt wird. Da viele junge Kalash-Frauen heute Höhere Schulen besuchen, steht diese Tradition jedoch im Gegensatz zu den Erfordernissen des modernen Lebens.
Ausschluss, Abwertung und Scham
Wie aber ist die Menstruation zum Tabuthema geworden? Einen großen Einfluss hatten vor allem das Patriarchat, sowie religiöse Praktiken als auch pseudowissenschaftliche Theorien. Der Unreinheitsgedanke wurde zum Vorwand, um Frauen auszuschließen. Nach den Reinheitsvorstellungen des Judentums ist es menstruierenden Frauen verboten, an rituellen Handlungen teilzunehmen und den Tempel oder eine Synagoge zu besuchen. Im Mittelalter wurde medizinisches Wissen hauptsächlich in Klöstern aufgeschrieben und bewahrt. Da die Mönche Sexualität mit Sünde verbanden, sahen sie die Menstruation als Strafe Gottes an. Im Islam wird die Regelblutung als ein "Leiden" der Frau betrachtet, und die Frauen müssen (oder dürfen) während dieser Zeit weder beten noch fasten.
Im 17. und 18. Jahrhundert hatte sich in Europa die Weltsicht durch die Aufklärung radikal verändert, was sich allerdings sich nicht zum Vorteil der Frauen auswirkte. Die untergeordnete Stellung der Frau wurde nicht länger mit der angeblichen Sündhaftigkeit des weiblichen Geschlechts begründet, sondern mit ihrem näheren Bezug zur Natur. Die Natur jedoch wurde als etwas Chaotisches und Gefährliches betrachtet, das bezwungen und unterworfen werden musste. Dem Mann wurden Kultur, abstraktes Denken, Geistigkeit, Wissenschaft und Fortschritt zugeschrieben, während Weiblichkeit mit Natur, Körperlichkeit, Aberglauben und Tradition verbunden wurde.
Im Zuge der Kolonialisierung verbreitete sich im 19. Jahrhundert die Theorie des Sozialdarwinismus, die den weißen Mann an die oberste Stelle der Hierarchie erhob und die Frauen – ähnlich wie die kolonialisierten Völker – abwertete. Die Frau wurde als schwaches Wesen angesehen, das zu ständiger Krankheit verdammt sei, und die monatliche Blutung zum Leidenszustand degradiert. Die Mutterschaft galt als einziger Daseinszweck der Frauen, und manche Ärzte vertraten sogar die Meinung, dass Frauen permanent schwanger sein sollten, um niemals zu menstruieren. Noch im 20. Jahrhundert gab es Ärzte, die das Menstruationsblut für giftig hielten. Erst 1958 widerlegte der Würzburger Arzt Karl Johann Burger endgültig den jahrhundertealten Mythos des sogenannten Menotoxins.
Kulturgeschichte der Monatshygiene
Da die meisten historischen Texte von Männern verfasst wurden, wurde der Periode meist wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Trotzdem wissen wir, dass alle Kulturen hygienische Hilfsmittel kannten, um das Menstrualblut aufzusaugen. Zu diesem Zweck wurden Binden aus Pflanzenfasern, Bast, Gras oder Wolle aber auch Stofffetzen verwendet. Da es im Mittelalter nicht üblich war, Unterwäsche zu tragen, ließen die Frauen auf dem Land ihr Blut meist einfach ablaufen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts benutzten sie spezielle Gürtel, an denen sie selbstgenähte Binden aus Leinen oder Baumwolle befestigten.
Im späten 19. Jahrhundert wurden die ersten industriell gefertigten waschbaren Baumwollbinden produziert, deren Vermarktung sich jedoch als schwierig erwies, da es als nicht schicklich galt, über weibliche Körperfunktionen zu sprechen. Einen Wendepunkt brachte eine Binde, die aus in Mull gewickelten Wattebällchen bestand, die 1896 von Johnson & Johnson in den USA erstmals auf dem Markt gebracht wurde. Die Erfindung der Einwegbinde war eine Reaktion auf die zunehmende Bedeutung der Frauen als Arbeitskräfte, und wird von vielen als Beginn der modernen Menstruationsprodukte angesehen. In Deutschland produzierten die Firma Vereinigte Papierwerke Nürnberg seit 1926 die Zellstoffbinde "Camelia". Im Zweiten Weltkrieg wurden Damenbinden als "kriegswichtig" eingestuft, um Arbeitsausfälle bei Frauen zu vermeiden. Selbstklebenden Damenbinden gibt es seit den 1970er Jahren.
Auch Tampons sind keine Erfindung der Neuzeit. Ägyptische Inschriften lassen darauf schließen, dass Frauen bereits zu pharaonischer Zeit eine Art Tampon aus weichen Papyrusblättern benutzt hatten. Der moderne Tampon aus gepresster Watte wurde 1929 von dem US-amerikanischen Arzt Earle Haas erfunden, nachdem ihm eine Freundin erzählt hatte, dass sie sich saugfähige Seeschwämme einführte, um das Blut zu absorbieren. Das Patent wurde 1934 von Gertrude Tendrich gekauft, die in Deutschland die Firma Tampax gründete.
Dass die Menstruation trotzdem im 21. Jahrhundert noch ein Tabuthema ist, zeigt das Beispiel eines von Männern erfundenen Handschuhs, der den Frauen ermöglichen sollte, den Tampon zu wechseln, ohne ihn zu berühren. Das hat jedoch viele Frauen empört, weil sie sich gegen die Vorstellung wehrten, dass ihre Monatsblutungen unrein und ekelerregend seien. Aufgrund des großen Protests in den Sozialen Medien wurde das Produkt wieder vom Markt genommen.
Würdevolle Menstruation
Moderne Menstruationsartikel wie Binden und Tampons erlauben den Frauen mehr Bewegungsfreiheit, sind aber auch kostspielig. Das hat zur Folge, dass jene Mädchen und junge Frauen, die sich diese Produkte nicht leisten können, während der Dauer der Blutungen der Schule fernbleiben müssen, was sich negativ auf ihre Bildung auswirkt. Die Bereitstellung von kostenlosen Menstruationsprodukten in Schulen und öffentlichen Einrichtungen ist deshalb eine wichtige Maßnahme.
Der internationale Tag der Menstruationshygiene am 28. Mai will über die Bedeutung guter Menstruationshygiene aufklären und zur Entstigmatisierung beitragen, wobei das Datum die durchschnittliche Zykluslänge von 28 Tagen und die durchschnittliche Dauer der Blutung von etwa fünf Tagen symbolisiert. Der Tag für würdevolle Menstruation am 8. Dezember widmet sich der Sensibilisierung für Menschenrechtsfragen im Zusammenhang mit der Menstruation. An diesem Tag wird auf Probleme wie die mangelnde Sanitärinfrastruktur und Periodenarmut insbesondere in den Ländern des Südens hingewiesen und für eine würdevolle Menstruation geworben.
Free Bleeding – freie Menstruation
Binden und Tampons gehören zu den häufig an Stränden und im Meer gefundenen Abfällen. Weil sie nicht biologisch abbaubar sind, können für lange Zeit Umweltschäden verursachen. Wegen dieser Umweltbelastung, aber auch weil diese Produkte ein stigmatisierendes Tabu rund um die Menstruation aufrechterhalten, verzichten manche Frauen bewusst darauf. Die New Yorker Musikerin Kiran Gandhi war eine der ersten Frauen, die 2015 öffentlich auf Free Bleeding aufmerksam machte, indem sie den Londoner Marathon ohne Tampon oder Binde lief. Mit dieser Aktion wollte sie zur Debatte beitragen, wie offener mit der Menstruation umgegangen werden kann, und Frauen weltweit darin bestärken, sich nicht für ihre Periode zu schämen. Gleichzeitig wollte sie auf die Frauen und Mädchen weltweit aufmerksam machen, denen der Zugang zu Hygieneartikeln fehlt. Dafür erntete sie auf der einen Seite viel Zuspruch, andere dagegen bezeichneten die Aktion unhygienisch und ekelerregenveröffentlicht in Talktogether Nr. 95/2026

