Gespräch mit Petar Rosandić, SOS Balkanroute

01.05.2022
© Nisvet Porić - SOS Balkanroute
© Nisvet Porić - SOS Balkanroute

Gespräch mit Petar Rosandić,
Gründer und Obmann von SOS Balkanroute


TT: Wie ist SOS-Balkanroute entstanden?

Petar: SOS Balkanroute hat ganz spontan angefangen, naiv und fast dilettantisch. Wir haben 2019 aus aktivistischen Kreisen erstmals von den fürchterlichen Umständen gehört, unter denen Geflüchtete in der Grenzregion zwischen Bosnien und Kroatien leben, und die damals im deutschsprachigen Raum gar nicht bis wenig bekannt waren. Wir sind mit einem vollgepackten VW-Bus ins Lager Vučjak gefahren, um die gesammelten Spenden an die Menschen dort zu verteilen. Als wir dort angekommen sind, waren wir total schockiert von den Zuständen in diesem Horrorcamp. Circa 1500 Menschen lebten auf einer alten Müllhalde neben einem Minenfeld - ohne Wasser, ohne Strom und ohne sanitäre Anlagen. Das hat uns so mitgerissen, dass wir mit dem Spendensammeln einfach weitergemacht haben. Über die Jahre ist daraus eine NGO geworden. Wir sind von der Größe her keine Caritas oder Volkshilfe, aber wir sind gewachsen und erfahren in Österreich eine breite Unterstützung.

TT: Was sind eure Ziele?

Petar: Auf der einen Seite leisten wir humanitäre Hilfe und reagieren damit auf die akute Not der Menschen, die uns auf den Plan gerufen hat. Auf der anderen Seite spielt das politische Element bei uns eine wichtige Rolle. Man könnte sagen, es ist die Besonderheit von SOS Balkanroute, dass wir nicht nach Bosnien fahren und uns dort unseren eigenen Mikrokosmos aufbauen, sondern dass wir mit lokalen Netzwerken zusammenarbeiten und auf deren Arbeit aufbauen. Das heißt, wir unterstützen die Menschen, die vor Ort Hilfe leisten, und das sind vor allem Frauen. Wir haben diese Frauen in Bihać, in Velika Kladuša und in anderen Gemeinden kennengelernt und gesehen, dass sie wirklich alles geben. Diese Frauen sind das Fundament von SOS-Balkanroute und zugleich die einzig wahrhaftigen Hüterinnen der europäischen Menschenrechte. Wir unterstützen sie, indem sie von uns Geld und Sachspenden bekommen oder wir für sie Lagerhäuser anmieten, aber auch indem wir versuchen, ihnen politisch den Rücken zu stärken. Viele von ihnen wurden wegen ihrer Hilfeleistungen schikaniert und kriminalisiert. Wir sind mit der lokalen Regierung in Bihać in den Dialog getreten und haben die Idee einer "Städtepartnerschaft der Menschlichkeit" auf den Plan gebracht. Auf unsere Initiative hin haben der Bürgermeister von Traiskirchen Andreas Babler der Stadt einen Rettungswagen und die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr Feuerwehrausrüstungsgegenstände geschenkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Bosnien selbst große Armut herrscht. Man ist schlecht beraten, wenn man nur auf eine Armut hinsieht und die andere vergisst. Deswegen sehen wir uns auch als Brücke zwischen der lokalen Bevölkerung und den Geflüchteten.

TT: Wie unterstützt ihr die Geflüchteten, die in Bosnien steckengeblieben sind?

Petar: Wir haben 54 Hilfsgütertransporte seit 2019 organisiert. Wir sammeln in Österreich Geld und Sachspenden, die wir mit LKWs nach Bosnien transportieren und dort an die Geflüchteten verteilen. Wir mussten immer wieder auf extreme Situationen reagieren: 2019 haben wir im Camp Vučjak, bevor der Schnee gekommen ist, Winterkleidung, Decken und Schlafsäcke verteilt. Wir sind eingesprungen und haben Verantwortung übernommen, als das Lipa-Camp im Dezember 2020 abgebrannt ist. Gemeinsam mit dem Roten Kreuz der Stadt Bihac haben wir buchstäblich Leben gerettet, denn die Menschen mussten tagelang auf einem Feld im Schnee ausharren. Das Lager liegt in einer Region, die zu den kältesten im ganzen Kanton Bihać gehört. Die Situation derzeit ist zum Glück nicht so schlimm wie vor zwei Jahren, aber sie ist noch immer zum Schämen, sie ist noch immer eine Schande und die Menschen brauchen noch immer unsere Hilfe. Es ist in meinen Augen leider nur eine Frage der Zeit, bis die menschenunwürdigen Zustände wieder eskalieren.

TT: Wie kommen die Menschen überhaupt nach Bosnien?

Petar: Sie kommen über Mazedonien, Serbien, Montenegro, meist aus Griechenland, wo ebenfalls menschenunwürdige Bedingungen herrschen. Das nächste EU-Land, das die Geflüchteten erreichen können, ist entweder Kroatien oder Ungarn. Kroatien führt jedoch seit Jahren systematisch illegale Pushbacks durch, das heißt, die Menschen werden mit Gewalt immer wieder nach Bosnien zurückgeschoben. Wir haben in den letzten Jahren sehr krasse und erschütternde Geschichten gehört von Leuten, die dreißig Mal die Grenze überquert haben und immer wieder zurückgeschickt worden sind. Es unglaublich, welche Risiken diese Menschen auf sich nehmen, sie marschieren zu Fuß 12 Tage durch Kroatien. Der kürzeste Weg von Bosnien in die EU führt nach Triest. Erst wenn die Menschen die Stadt erreicht und dort Hilfe gefunden haben, sind sie in Sicherheit. Wir haben mehrfach von Menschen gehört, die in den Bergen vor Triest waren und die Stadt schon gesehen haben, aber trotzdem zurückgeschoben wurden.

Unser ehemaliger Kanzler Kurz hat zwar behauptet, dass die Balkanroute geschlossen sei, doch die Wahrheit ist, dass der Großteil der Menschen früher oder später durchkommt. Dass sie dabei mit extremer rassistischer und retraumatisierender Gewalt und Menschenrechtsverletzungen konfrontiert sind, ist eine große Schande für Europa. Das ist ein weiteres Thema, was wir aufgegriffen haben. Die Schaffung von Bewusstsein ist ein großes Anliegen unserer NGO. In Zusammenarbeit und Absprache mit dem Border Violence Monitoring Network, einem Zusammenschluss von NGOs, der Gewalt an den EU-Außengrenzen dokumentiert, haben wir erstmals begonnen, Politiker*innen damit zu konfrontieren. Das gesammelte Beweismaterial haben wir am Flüchtlingstag 2020 der Justizministerin Alma Zadić und in weiterer Folge auch den Menschenrechtssprecherinnen aller im Parlament vertretenen Parteien mit Ausnahme der FPÖ übergeben. Damit waren wir Pioniere in Österreich und im deutschsprachigen Raum. Niemand kann jetzt mehr behaupten, nichts davon zu wissen, was sich drei Stunden von Österreich entfernt abspielt.

TT: Unter welchen Umständen leben die Geflüchteten in Bosnien?

Petar: Die offizielle Politik der EU und des Staates Bosnien Herzegowina ist - hier muss ich leider einen Begriff unseres ehemaligen Innenministers Herbert Kickl verwenden - die Menschen zu konzentrieren und sie zu isolieren. Deshalb werden sie immer wieder eingesammelt und ins Lager Lipa gebracht, welches mittlerweile neu aufgebaut wurde und durch einen hohen, gefängnisartigen Zaun gekennzeichnet ist. Es handelt sich um ein verlassenes Dorf in den Bergen ohne jegliche soziale Anknüpfung, im Umkreis von 25 Kilometern gibt es keinen einzigen Supermarkt. Es gibt im Camp zwar jetzt Heizung, Wasser und Strom, aber kein Mensch flieht wegen einer Heizung und um irgendwo isoliert von anderen Menschen in den Bergen zu leben. Die Menschen wollen eine Perspektive, eine Zukunft. Damit zeigt die EU, die dieses einem Hochsicherheitsgefängnis ähnelte Konstrukt finanziert und aufgebaut hat, wie ihre Flüchtlingspolitik aussieht: aus den Augen, aus dem Sinn.

Hier findet ständig ein total absurdes Katz-und-Maus-Spiel statt. Die Menschen wollen weiterziehen in die EU, um endlich in Sicherheit zu sein - in Bosnien sind sie nämlich alles andere als sicher, sondern werden immer wieder Opfer von Polizeigewalt. Sie schließen sich in Gruppen von fünfzehn bis zwanzig Personen zusammen und suchen in einer verlassen Fabrik, in einem verlassenen Haus oder in den Wäldern Unterschlupf. Wir unterstützen die Menschen in diesen wilden Camps mit Sachspenden und Lebensmitteln. Wenn sie schon nichts haben, wollen sie zumindest selbstbestimmt leben. Selbstbestimmt leben heißt für sie, dass sie sich selbst etwas kochen können, das ist die einzige Freude, die sie haben. Die wollen wir ihnen ermöglichen, indem wir ihnen zusammen mit unseren bosnischen Helferinnen Lebensmittel bringen. Wir haben der Flüchtlingshelferin Mama Zemira einen Caddy gekauft, nachdem sie drei Jahre lang die Spenden mit ihrem eigenen Auto verteilt hat. Menschen wie sie geben unglaublich viel, das möchten wir aufzeigen. Die wahrhaftigen und glaubwürdigsten Schützerinnen der Menschenrechte, von denen in Europa so oft geredet wird, sind diese bosnischen Frauen, die dort jeden Tag im Einsatz für die Geflüchteten sind und alles organisieren.

TT: Gibt es in Bosnien eine Perspektive, zum Beispiel die Möglichkeit, um Asyl anzusuchen?

Petar: Nur eine kleine Minderheit, etwa ein Prozent der Geflüchteten, bleibt aufgrund spezieller Umstände in Bosnien, meist durch Heirat mit einer Bosnierin. In Bosnien-Herzegowina gibt es für sie keine Lebensperspektive, genauso wenig wie für die Einheimischen. Man darf nicht vergessen, dass dort seit dem Krieg große Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivenlosigkeit herrschen. Es war und ist auch heute ein Auswanderungsland, in dem ein Durchschnittsgehalt 300 bis 400 Euro beträgt. Und: Bosnien-Herzegowina steckt seit zwei Jahren in einer Staatskrise fest, in der die jeweiligen nationalen Vertreter*innen Wahlen gewinnen, indem sie sich gegenseitig blockieren.

TT: Gibt es in der Bevölkerung Vorbehalte gegen die Flüchtlinge? Wie reagiert ihr darauf?

Petar: Leider herrscht gegenüber den Geflüchteten gegenüber viel Rassismus. Die Geflüchteten dürfen sich nicht einmal in ein Café setzen oder werden daran gehindert, in ein öffentliches Verkehrsmittel einzusteigen, auch wenn sie Geld für das Ticket haben. Es werden ihnen einfach überall Steine in den Weg gelegt. Ich denke, wenn es Initiativen wie die unsere nicht gäbe, die zu den Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen geht und versucht, auch für die lokalen Gemeinden etwas zu tun, wäre die Lage noch schlimmer. Man muss sich vorstellen: Die Stadt Bihać an der Grenze zu Kroatien, die die größte Last der europäischen Flüchtlingspolitik auf ihren Schultern trägt, hatte nur einen einzigen Rettungswagen für 50.000 Einwohner*innen, bis Andreas Babler auf unsere Initiative hin einen zweiten Rettungswagen gebracht hat. Und genau das ist unser Ansatz: Auf der einen Seite haben wir mit der großen Not der Geflüchteten zu tun, auf der anderen Seite wollen wir auch Impulse bei der dortigen Bevölkerung setzen. Wir versuchen nicht nur, Akuthilfe zu leisten, sondern auch nachhaltig etwas zu verändern. Von Juli bis November letzten Jahres gab es an der Grenze Velika Kladuša ein größeres wildes Familiencamp, in dem auch viele Kinder lebten, und da sind wir zusammen mit lokalen Frauenvereinen hingefahren, das Fernsehen war auch dabei. Wenn die Bevölkerung sieht, dass nicht alles so ist, wie es von den Rechtspopulisten dargestellt wird, hat das einen Einfluss, das hoffen wir zumindest.

TT: Hat der Ukraine-Krieg Auswirkungen auf eure Arbeit?

Petar: Nicht direkt, da nicht viele Ukrainer*innen nach Bosnien gekommen sind. Was aber durch die Ukraine-Krise sehr offensichtlich geworden ist, ist der Rassismus, das Zwei-Klassen-Asylsystem. Ich habe gelesen, dass in Österreich aktuell 53.000 ukrainische Geflüchtete registriert sind. Hier in an der bosnisch-kroatischen Grenze halten sich dagegen nur wenige Tausend Menschen auf. Die Aufnahme von diesen Menschen wäre leicht zu bewältigen, aber man will es nicht, obwohl sie aus ähnlichen Gründen geflohen sind, aus denen die Ukrainer*innen heute fliehen. Auch in Kroatien sind Camps für ukrainische Flüchtlinge aufgebaut worden und man heißt sie willkommen, was ja gut und richtig ist, während man auf der anderen Seite Flüchtlinge aus anderen Ländern misshandelt und zurückschiebt. Das zeigt, dass wir es mit offenkundigem Rassismus zu tun haben, nicht nur in Bosnien, Kroatien und Österreich, sondern in der ganzen EU.

TT: Welche positiven Erfahrungen habt ihr bei euren Aktivitäten gemacht?

Petar: Wir erfahren in Österreich breite Unterstützung, haben die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt und uns mit verschiedenen Bündnispartnern zusammengetan. Wir waren beispielsweise mit österreichischen Ordensschwestern in Bosnien unterwegs, Imame haben uns genauso bei Sammelaktionen geholfen wie Menschen aus linken Kreisen. Das Schöne daran ist, dass wir in unserer Arbeit mit so vielen Leuten aus ganz unterschiedlichen Milieus, Communities und Zusammenhängen zusammengekommen, mit denen wir eines gemeinsam haben: Wir alle wollen nicht wegschauen und die Zustände nicht einfach so hinnehmen. Wir gehen unseren Weg gemeinsam mit diesen Menschen, und ich denke, dass eine solche geballte Vielfalt nicht leicht unterzukriegen ist.

SOS-Balkanroute ist eine humanitäre Initiative für ein menschenwürdiges Leben von geflüchteten Menschen
in Südosteuropa: https://www.facebook.com/SOSBalkanroute/

Spendenkonto:
IBAN: AT20 2011 1842 8097 8400
BIC: GIBAATWWXXX

veröffentlicht in Talktogether Nr. 80/2022