Gespräch mit Hamado Dipama

17.08.2026

Antirassismus-Aktivist und Gründer des Arbeitskreises Panafrikanismus München

TT: Da du gerade erst vor Kurzem in Burkina Faso warst, wollen wir fragen, ob du uns ein bisschen über die aktuellen Entwicklungen dort berichten kannst.

Hamado: Die ganze Region befindet sich im Umbruch, und zwar nicht nur Burkina Faso, sondern die gesamte Sahelzone, nämlich Burkina Faso, Mali und Niger, die drei Staaten, die sich zur Konföderation der Sahel-Staaten zusammengeschlossen haben. Burkina Faso würde ich als Vorreiter für diesen Umbruch betrachten. Es hat als einziges Land offen zur Revolution aufgerufen, die sich "Révolution Progressive Populaire" nennt, anlehnend an Thomas Sankaras "Révolution démocratique et populaire". Und wie ich beobachten konnte, ist es tatsächlich eine Revolution auf allen Ebenen der Gesellschaft.

TT: Wie äußert sich diese Revolution?

Hamado: Vor allem ist es eine Kampfansage an die Korruption. Die Veränderung bemerkt man, sobald man sich ein paar Tage dort befindet. Das zweite wichtige Vorhaben ist, die Bodenschätze des Landes zum Wohle des Volkes zu nutzen. Wir haben in Burkina Faso viel Gold. Bis Ibrahim Traoré an die Macht gekommen ist, hatten wir keine nationalen Goldreserven, Ende des Jahres 2025 hatten wir eine Reserve von 94 Tonnen. Früher haben Konzerne aus dem globalen Norden unter der Führung Frankreichs Tonnen von Gold aus dem Land geschafft, ohne dass die Menschen vor Ort davon profitierten. Jetzt haben wir unsere eigene Goldraffinerie, was natürlich revolutionär ist. Und es ist gesetzlich klar festgeschrieben: Kein Gramm Gold verlässt Burkina Faso ohne staatliche Kontrolle. Dies gilt auch für Konzerne, die dort noch arbeiten, weil viele – wie ich meine zu Recht – rausgeflogen sind.

Es entstehen auch viele Fabriken. Und, was ich auch für sehr, sehr wichtig halte, und da kommt der demokratische Aspekt der Revolution ins Spiel: Die Fabriken sind nicht wie früher nur in den großen Städten, wie das in den meisten afrikanischen Ländern der Fall ist, obwohl wir viele freie Flächen haben, die genutzt werde könnten. Wenn junge Menschen in den ländlichen Räumen keine Perspektive haben und von Almosen leben müssen, sind sie zur Migration in die großen Städte gezwungen. Irgendwann haben sie auch dort keine Perspektive mehr, was bleibt ihnen dann übrig? Die gefährlichen Route nach Europa. Dadurch sind das Mittelmeer und die Sahara die größten Friedhöfe der Welt geworden.

Die jetzigen Regierungen versuchen, das Problem zu lösen, indem sie Industrien im ländlichen Raum entstehen lassen. Wenn in einer Region viele Tomaten angebaut werden, entsteht dort eine Fabrik für Tomatenpaste. Wenn Baumwolle angebaut wird, entsteht eine Fabrik für Faso-Fani/Faso-Danfani – unsere traditionellen Baumwollstoffe. Oder Zement wird dort hergestellt, wo die geografischen Gegebenheiten und die Verfügbarkeit der Rohstoffe günstig sind.

Ein weiterer Aspekt ist die Justizreform. Unter anderem sitzen verurteilte Menschen nicht mehr nur im Gefängnis und werden gefüttert, sondern werden durch Resozialisierungsprogramme zu Akteuren der Gesellschaft, indem sie etwas Produktives für die Allgemeinheit leisten. Für sehr wichtig halte ich auch den Ansatz, unsere Mentalität zu entkolonialisieren und unsere Kulturen, die durch den Kolonialismus fast vernichtet worden sind, in den Vordergrund zu stellen. Wir sind von einem spirituellen Volk zu Gläubigen geworden. Wir sind aber nicht nur Muslime oder Christen. Deswegen wurde der 15. Mai zum Tag der Traditionen und Bräuche erklärt, um unsere traditionelle afrikanische Spiritualität und unsere Kulturen zu würdigen. Ein anderer Aspekt ist die Sprache. Französisch war in Burkina Faso die Amts- und Bildungssprache. Seitdem Ibrahim Traoré an die Macht gekommen ist, ist es nur noch eine Arbeitssprache.

TT: Was sind jetzt die offiziellen Sprachen?

Hamado: Das sind die einheimische Sprachen Mòoré, Dioula, Fulfulde und Bissa. Aber natürlich können wir nicht von heute auf morgen sagen: Französisch brauchen wir nicht mehr. Deswegen behalten wir es als Arbeitssprache. Und weil wir versuchen, unsere internationalen Partnerschaften zu diversifizieren, haben wir auch Englisch als Arbeitssprache eingeführt. Also, die koloniale Mentalität wegzukriegen, ist gerade ein großer Ansatz in Burkina Faso, aber auch in Mali und in Niger.

TT: Wie reagieren die Nachbarländer auf die Entwicklung?

Hamado: Mit bestimmten Ländern gibt es Spannungen, weil Burkina Faso, Niger und Mali entschieden haben, aus der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS auszutreten. Warum? Weil diese Institution nicht unabhängig ist und Frankreich und der globale Norden dort das Sagen haben. Wenn wir unabhängig sein wollen, können wir nicht Teil einer Gemeinschaft sein, in der neokoloniale Strukturen herrschen. Einige Länder wie Nigeria haben den Austritt negativ gesehen. Aber im Laufe der Zeit hat man versucht, Verträge abzuschließen, damit den Menschen Bewegungsfreiheit innerhalb der afrikanischen Länder ermöglicht wird, und es gibt auch Wirtschaftsabkommen. Mit Togo oder Ghana gibt es eine enge Zusammenarbeit. Als Mahama zum Präsidenten von Ghana gewählt worden ist, nahm Ibrahim Traoré an der Amtsanführung teil. Ich selbst war letzten November in Accra bei der Beerdigung der Ehefrau des ehemaligen Präsidenten John Jerry Rawlings. Nach den Zeremonien hat der Präsident die burkinische Delegation zu einem Empfang eingeladen. Wir haben uns gut unterhalten und zum Schluss ein gemeinsames Foto für die Presse gemacht. Es gibt also Bemühungen, dass die Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern gut funktioniert.

Die Beziehungen mit Benin waren angespannt, weil die Regierung den französischen Truppen, die aus Burkina Faso, Mali und Niger rausgeworfen wurden, einen Platz angeboten hat. Frankreich stand nun vor der Tür zum Niger und hat versucht, von dort aus unsere drei Länder zu destabilisieren. Mittlerweile gibt es in Benin jedoch einen neuen Präsidenten. Seine erste Reise nach der Amtseinführung ging nicht nach Paris, sondern in die Nachbarländer Niger, Mali und Burkina Faso. So hat eine neue Beziehung begonnen, und vielleicht schaffen wir es auch, zu erreichen, dass die französischen Manöver dort weniger werden. Was leider immer noch nicht funktioniert, ist die Zusammenarbeit mit der Elfenbeinküste, mit Côte d'Ivoire.

TT: Und wie ist das mit den Beziehungen zu China und Russland?

Hamado: Wie gesagt, versuchen die drei Sahel-Länder, ihre internationalen Partnerschaften zu diversifizieren. Die Zusammenarbeit mit Russland und China ist aber nicht so, wie sie im globalen Norden oft dargestellt wird. Wir ersetzen keine Abhängigkeit durch andere. Sie wollen uns so doof sehen, aber so doof sind wir nicht. Die jungen Menschen in unseren Ländern haben es satt, nichts vom Reichtum ihrer Länder zu haben. Ich würde behaupten, dass auch viele andere afrikanische Staaten unter diesem Druck stehen. Um Erfolg zu haben, muss ein Land strategisch vorgehen. Die Zusammenarbeit mit Russland und China findet unter jeweils bestimmten Aspekten statt. Unsere drei Länder arbeiten auch mit dem Iran zusammen, weil sie bestimmtes Know-how in der Informationstechnologie brauchen. Sie müssen Geheimdienste aufbauen, die internationalen Standards entsprechen. Deshalb kann vom Ersatz einer Kolonialmacht durch eine andere nicht die Rede sein. Die Menschen vor Ort wissen sehr gut, dass dies nicht der Fall ist.

TT: Gibt es auch Möglichkeiten der Mitbestimmung für die Bevölkerung?

Hamado: Es gibt weiterhin ein Parlament in Burkina Faso. Dort sitzen Vertreter und Vertreterinnen aus unterschiedlichen Teilen der Zivilgesellschaft, die dort Entscheidungen treffen und die Vorschläge der Bevölkerung einbringen. Viele Initiativen gehen von der Zivilgesellschaft aus und werden sogar von den Menschen selbst finanziert. Wer in den letzten fünf Jahre nicht in Burkina Faso gewesen ist, erkennt das Land nicht wieder. Die Sanierung der maroden Infrastrukturen ist in vollem Gange, das ganze Land ist wie eine Baustelle. Das Geld für viele Projekte stammt nicht von der Regierung oder aus dem globalen Norden, sondern aus einem gemeinsamen solidarischen Fonds. Es gibt sogar Initiativen von Frauen und Jugendlichen, die vielleicht nur 500 CFA (weniger als 1 Euro) im Monat oder in drei Monaten dafür auf die Seite legen können. Aber es ist ihr Anteil am Aufbau des Landes.

Dasselbe gilt auch für die Sauberkeit. Früher war überall alles voller Plastikmüll. Das ist jetzt verboten. Die Menschen werden sensibilisiert, wie sie ihr Umfeld sauber halten können. Und die Leute machen mit. Wenn du etwas Umweltschädigendes auf den Boden ausleerst, kommt sofort ein Nachbar und kritisiert dich. Es gibt dafür auch eigene Organe: Die Brigade Laabal ist für Ordnung und Sauberkeit zuständig und hat eine Hotline, wo man anrufen kann, wenn es irgendwo Missstände gibt. Ein weiterer wichtiger Ansatz, aus dem wir auch in Europa lernen können, ist die jüngste Entscheidung, dass es humanitären Organisationen nicht mehr erlaubt sein soll, bedürftige Menschen und Kinder gemeinsam mit Hilfsgütern zu fotografieren oder zu filmen, um die Aufnahmen für die Spendenwerbung zu nutzen.

TT: Wir wissen, dass die ehemaligen Kolonialmächte den Kontinent geplündert haben. Ist es möglich, das geraubte Vermögen zurückzuverlangen?

Hamado: Diese Diskussion gibt es schon lange, auch hier in Europa, und sie kommt von den diasporischen Communities. Wir haben hier in der Diaspora so viele Möglichkeiten und Kompetenzen, die wir nutzen müssen, damit die gestohlenen Gegenstände in unsere Ländern zurückkommen. Auch hier in München haben wir diese Debatte. Ich bin nächste Woche im Museum "Fünf Kontinente", wo viele unserer gestohlenen Subjekte ausgestellt sind. Man nennt sie Objekte, aber für uns sind sie Subjekte, die uns unsere Ahnen hinterlassen haben. Viele Jahre lang hatten wir Regierungen, die die Wichtigkeit dieser Forderung nicht verstanden oder nicht gesehen haben. Aber die jetzigen verstehen das und fordern die Rückgabe. Das zweite sind Entschädigungsforderungen. Vor kurzem haben die Vereinten Nationen eine von Ghana eingebachte Resolution angenommen, den historischen transatlantischen Sklavenhandel als "schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit" einzustufen. Was wir aber am dringendsten brauchen, ist, dass wir unsere eigene Politik gestalten können. Dass wir unsere Rohstoffe nutzen können, wie wir es wollen. Wir brauchen keine Entwicklungshilfe, man soll uns einfach in Ruhe lassen. Wir haben die jüngste Bevölkerung der Welt, und das ist ein wertvolles Kapital für den Aufbau der Wirtschaft. Entwicklungshilfe hat es sowieso nie gegeben. Das ist nur eine Alibi-Bezeichnung, um mehr Zugang zu unseren Ressourcen zu haben.

TT: Ibrahim Traoré war nicht der erste politische Führer, der für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit Afrikas gekämpft hat. Was macht er anders?

Hamado: Was gerade in Burkina Faso passiert, es ist eine Kontinuität der Revolution von Thomas Sankara. Dieser hat gesagt, man kann einen Menschen töten, aber nicht seine Ideen. Ibrahim Traoré setzt seine Ideen fort. Am 15. Oktober 2022, am Jahrestag der Ermordung Thomas Sankaras, hat er am Memorial Thomas Sankara, von dem ich auch Gründungsmitglied bin, die Flamme der Revolution offiziell übernommen. Traoré sagt auch selbst: Thomas Sankara hat den Weg für uns vorbereitet. Was macht er anders? Damit das System, das jetzt aufgebaut wird, langfristig bestehen kann, will er nicht zulassen, dass Imperialisten und Landverräter unsere Revolution kaputt machen. Seine Vorgänger wie Patrice Lumumba oder Thomas Sankara haben ihrer Sicherheit nicht so eine große Priorität zugemessen, wie Ibrahim Traoré es tut. Tatsache ist, dass er sich täglich in Lebensgefahr befindet. Wie viele aus dem globalen Norden finanzierte Putschversuche gab es schon?

TT: Ist es möglich, gute und freundschaftliche Beziehungen zwischen den afrikanischen Ländern und den ehemaligen Kolonialmächten aufzubauen?

Hamado: Ja, denn unser kulturelles Verständnis beruht nicht auf Rache. Wenn das so wäre, würde heute kein Franzose mehr in Burkina Faso leben. Unsere Spiritualität verbietet uns, bestimmte Grenzen zu überschreiten. Eine dieser Grenzen ist es, Rache zu nehmen. In unseren Sprachen gibt es auch den Begriff Ausländer nicht, es gibt nur den Gast. Doch für freundschaftliche Beziehungen gibt es Voraussetzungen. Eine davon ist, dass die ehemaligen Kolonialmächte unseren Perspektivenwechsel annehmen. Dass sie anerkennen, dass sich das, was sie in der Vergangenheit gemacht haben, nicht wiederholen darf. Dass sie akzeptieren, dass die ehemaligen Kolonien jetzt selbständige Länder sind, die den Kolonialismus niemals wieder akzeptieren werden. Die meisten der ehemaligen Kolonialmächte haben jedoch ihre koloniale Vergangenheit nicht so aufgearbeitet, wie es eigentlich notwendig wäre.

Wir müssen auch verstehen, dass das Problem das System ist, und nicht die einfachen Menschen. Thomas Sankara hat einmal gesagt hat: Diejenigen, die uns ausbeuten, beuten auch Menschen in ihren eigenen Ländern aus. Wie viele Franzosen sind mit uns solidarisch? Wie viele Franzosen sind mit dem jetzigen System nicht einverstanden? Es sind viele. Wenn wir verstehen, dass es sich um Systeme handelt, und nicht um Bevölkerungen, dann sind eine echte Veränderung und somit auch eine gute und freundschaftliche Zusammenarbeit möglich.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 97/2026