Gespräch mit Axel Magnus, Gewerkschafter und Antifaschist

01.05.2026

TT: Du arbeitest im Gesundheitsbereich und bist seit vielen Jahren als Betriebsrat und in der Gewerkschaftsbewegung aktiv. Was ist die Motivation für den Engagement?

Axel: Betriebsrat war ich bis vor zwei Jahren, in meiner Gewerkschaft GPA bin ich noch immer aktiv, unter anderem in der Interessengemeinschaft Social, die die Interessen der Kolleg*innen im Gesundheits- und Sozialbereich, in der Erwachsenenbildung und Elementarpädagogik vertritt. Ich denke, dass die Motivation dafür schon in meiner Kindheit entstanden ist, weil ich Ungerechtigkeit nie aushalten konnte. Schon im Kindergarten und in der Schule. Nur hatte ich als Kind noch keine Möglichkeit gefunden, wirklich etwas dagegen zu tun, und habe darauf reagiert, wie Kinder das halt tun – trotzig heulend. Später wurde ich dann Klassensprecher und auf der Uni Studienrichtungsvertreter. Insofern war der Schritt, Betriebsrat und kurz danach auch Gewerkschaftsfunktionär zu werden, eigentlich nur die logische Fortsetzung dessen, was ich schon immer gemacht habe. Mich für andere einsetzen. Aber nicht nur für sie, sondern vor allem gemeinsam mit ihnen.

TT: Warum ist gewerkschaftliche Organisierung wichtig? Und wie können Menschen, die aus dem Ausland stammen, informiert und gewonnen werden?

Axel: Wenn wir unsere Arbeitskraft verkaufen müssen, um leben zu können, was ja außer bei reichen Menschen für fast alle der Fall ist, befinden wir uns in einem Abhängigkeitsverhältnis. Das zeigt sich auch daran, dass wir jederzeit ohne Begründung gekündigt werden können. Wir brauchen also Arbeit, um leben zu können. Auch jene, die derzeit gerade keine Arbeit haben, die noch zu jung zum Arbeiten oder schon in Pension sind. Denn all die sogenannten Sozialleistungen werden fast vollständig von uns Lohnabhängigen in Form von Sozialabgaben und teilweise auch Steuern finanziert. Die Unternehmer haben schon früh damit begonnen, sich zusammenzuschließen, um ihre Interessen zu vertreten – z.B. in der heutigen Industriellenvereinigung oder der Wirtschaftskammer. Wenn wir ihrer Macht etwas entgegensetzen wollen, müssen wir uns zusammenschließen.

Allein haben wir keine Chance. Ein Finger kann gebrochen werden – eine Faust nicht. Ich denke aber, dass es bei Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur um Information geht. Der ÖGB bietet mittlerweile Beratung und viele Informationsbroschüren auch in zahlreichen Sprachen an. In vielen Ländern werden Gewerkschaften unterdrückt. Das macht Angst. Andere Kolleg*innen mussten leider erleben, dass in ihren Herkunftsländern Gewerkschaften nicht im Interesse von uns arbeitenden Menschen agieren, sondern in dem der herrschenden Parteien – insbesondere im sogenannten real existierenden Sozialismus. Diese Erfahrungen bringen sie mit, wenn sie nach Österreich kommen, und sie sind sehr schwer zu überwinden.

Die beste Form, sie zu überzeugen, ist sicherlich, positive Erfahrungen mit Betriebsräten und Gewerkschaften zu ermöglichen, indem sie erleben können, dass diese wirklich auf ihrer Seite stehen und nicht für sie, sondern mit ihnen gemeinsam für ihre Interessen und Anliegen eintreten. Und es geht auch um Vorbilder. Deswegen ist es so wichtig, dass wir, überall, wo das möglich ist, Kolleg*innen mit Migrationshintergrund davon überzeugen, selbst Betriebsrat oder Betriebsrätin zu werden.

TT: Viele von diesen Menschen leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen, weil sie in prekären Arbeitsverhältnissen bei Leasingfirmen beschäftigt sind. Wie können diese Menschen unterstützt werden?

Axel: Leiharbeit ist sicher eines der großen Probleme, ich würde aber auch unfreiwillige "neue Selbständige", Kolleg*innen, die als freie Dienstnehmer*innen oder über Werkverträge beschäftigt sind, zu jenen zählen, die unter prekären Arbeitsbedingungen leiden. Mittlerweile werden diese Gruppen unter dem Begriff "atypische Beschäftigungsverhältnisse" zusammengefasst. In der Gewerkschaft GPA gibt es die Interessengemeinschaft Flex, welche sich für Verbesserungen in all diesen Bereichen einsetzt. Und zwar nicht nur für die Kolleg*innen, sondern gemeinsam mit ihnen. Das halte ich für einen besonders wichtigen Punkt. Menschen zu unterstützten ist wichtig. Es reicht aber nicht. Wir müssen ihnen dabei helfen, für sich selbst eintreten zu können, weil von außen in Betrieben nur sehr schwer Veränderung herbeigeführt werden kann. Von außen können wir Solidarität beitragen und bei der Gründung von Betriebsräten unterstützen, aber ohne eigene Aktivität reicht das nicht.

TT: In Österreich sind gerade viele Beschäftigte im Sozial- und Gesundheitsbereich von Kürzungen und Verschlechterungen betroffen, obwohl sie für die Gesellschaft unverzichtbare Arbeit leisten. Wie können sie tun, um ihr Recht zu bekommen, und was können wir alle dazu beitragen?

Axel: Gerade in unserer Branche hat es in den letzten rund zehn Jahren die meisten Arbeitskämpfe bis hin zu Streiks gegeben. In Anbetracht des permanent steigenden Arbeitsdrucks, des von der Politik durch unzureichende Budgets erzeugten Personalmangels und der vergleichsweise schlechten Arbeitsbedingungen ist das kein Wunder. Das ist der richtige Weg. Jetzt müssen wir nur noch lernen, unsere Arbeitskämpfe so lange zu führen, bis wir bekommen, was wir brauchen. Und das wäre gar nicht so schwer. Denn wenn unsere Branche infolge eines unbefristeten Streiks stillsteht, würde mehr oder weniger das ganze Land stillstehen. Und das hält keine Regierung lange durch. Fast alle Menschen in diesem Land haben permanent Kontakt mit irgendeinem Teil unserer Branche – vom Kindergarten bis zum Pflegeheim. Sie haben also ein Interesse an guten Arbeitsbedingungen bei uns, denn sie alle oder zumindest die Menschen, die ihnen wichtig sind, brauchen uns ständig. Die Qualität unserer Leistung hängt von uns selbst ab, von unserer Motivation. Wer nicht weiß, was die Kinder am Abend essen sollen oder wie die nächste Rechnung bezahlt werden kann, wird kaum ein Ohr für die Anliegen anderer Menschen haben können.

Unterstützung durch die Bevölkerung ist wichtig, wie z.B. die eindrucksvolle Demo oder die zehntausenden Unterschriften gegen die geplante Streichung des sogenannten Pflegebonus durch die Salzburger Landesregierung gezeigt haben. Sie können ein Beitrag zum Erfolg sein. Noch wichtiger wäre es aber, die eigenen Rechte wahrzunehmen. Wenn wir uns z.B. selbst um unsere Kinder oder unsere pflegebedürftigen Angehörigen kümmern müssen, weil der Kindergarten oder das Pflegeheim wegen eines Streiks zu hat, haben wir in Österreich das Recht, das bei voller Bezahlung in der Arbeitszeit zu machen, obwohl wir nicht für den Betrieb arbeiten können. Stellt euch also einfach vor, wie viele oder genau genommen wenige Menschen noch arbeiten würden, wenn tatsächlich die ganze Branche gleichzeitig streiken würde! Das würde jede Regierung so unter Druck setzen, dass der soziale Kahlschlag rasch vom Tisch wäre.

TT: Ist es möglich, in diesen Sparten zu streiken, ohne den Unterstützungsbedürftigen zu schaden?

Axel: Ganz ehrlich? Nein! Zumindest, wenn ein Streik erfolgreich sein soll. Notdienste müssen selbstverständlich aufrechterhalten werden, aber alles andere muss stillstehen, wenn wir Erfolg haben wollen, wenn wir wollen, dass unser Sozialstaat nicht zu Grabe getragen wird. Ein politisch sehr aktiver Klient einer Behinderteneinrichtung in Wien hat einmal auf einer Demo gesagt: "Sie werden es erst kapieren, wenn ihr uns eine Woche in der Scheiße liegen lasst. Tut es endlich. Auch für uns." Damit meint er, dass es besser ist, kurzfristig keine oder weniger Betreuung zu bekommen, um dadurch langfristig eine bessere zu bekommen.

Wie bereits gesagt haben alle, die infolge eines Streiks in unserer Branche selbst die Betreuung ihrer Angehörigen übernehmen müssen, das Recht, das in der Arbeitszeit zu tun. Würden alle dieses Recht in Anspruch nehmen, stünde folglich auch die Mehrwertproduktion still. Erst wenn es auf Kosten des Profits geht, beginnt es, dem Kapital weh zu tun. Und dann werden dessen Vertretungen schnell zur Regierung rennen und darum betteln, dass wir die paar Milliarden bekommen, die wir brauchen. Unsere Arbeit ist ja, volkswirtschaftlich betrachtet, genau dazu da, um mehr Mehrwert schaffen zu können, indem immer mehr und mehr Menschen in den Arbeitsprozess einbezogen werden können, die vorher unbezahlte Care-Arbeit geleistet haben.

TT: Wie demokratisch ist der ÖGB?

Axel: Kann es wirkliche Demokratie geben, solange die gesellschaftliche Macht in Händen einiger weniger (Super)Reicher liegt, solange die Produktionsmittel nicht Eigentum der Gesellschaft sind? Tatsächlich gibt es aber auch im ÖGB Nachholbedarf. Der ÖGB ist als Verein organisiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen haben allerdings nicht alle Mitglieder die gleichen Rechte. In den meisten Gewerkschaften und im ÖGB selbst dürfen nur Betriebsrät*innen die Funktionär*innen bis hin zu den Vorsitzenden wählen. Damit muss Schluss sein. Dass das geht, zeigt eine Reihe anderer Länder.

Die Funktionär*innen wiederum entscheiden darüber, wer Kollektivverträge verhandelt und die Forderungen für diese Verhandlungen beschließt. Auch damit muss Schluss sein. Alle Beschäftigten einer Branche, die Gewerkschaftsmitglied sind, müssen Kollektivvertragsforderungen und -abschlüsse beschließen. Alles andere ist nicht demokratisch. Tatsächlich hat die Gewerkschaft vida vor Kurzem damit begonnen, das bei einigen Kollektivvertragsverhandlungen wie bei den Ordensspitälern oder in Privatkrankenanstalten ziemlich erfolgreich umzusetzen.

Und nicht zuletzt muss Schluss sein damit, dass Spitzenfunktionär*innen besser bezahlt werden als jene, die sie vertreten. Das fördert Karrierismus, der allerdings leicht gestoppt werden kann, indem eingeführt wird, was in meinen Augen ein zentrales Element echter Demokratie ist – die jederzeitige Abwählbarkeit aller Funktionär*innen, Abgeordneten, Politiker*innen.

TT: Was verbindet den Antifaschismus und den Kampf für die Rechte der arbeitenden Menschen?

Axel: Aus Perspektive der Arbeiter*innenbewegung ist der Faschismus die Herrschaftsform, die das Kapital einsetzt, wenn sich sein System – der Kapitalismus – in einer tiefen Krise befindet. Dessen Hauptaufgabe ist die Zerschlagung der organisierten Arbeiter*innenbewegung, egal ob es sich dabei um Parteien oder Gewerkschaften handelt. Das ist, was im Februar 1934 in Österreich passiert ist. Der ÖGB hat daraus bei seiner Gründung 1945 die Schlussfolgerung gezogen, sich selbst als antifaschistische Organisation zu verstehen. Die Verbindung besteht also in beide Richtungen. Einerseits muss Faschismus verhindert werden, damit wir arbeitenden Menschen uns überhaupt organisieren dürfen und für unsere Interessen kämpfen können. Andererseits ist ein funktionierender Sozialstaat der beste Schutz vor faschistischen Tendenzen. Der Kampf gegen den sozialen Kahlschlag ist somit gelebter Antifaschismus. Und auch der Kampf gegen Aufrüstung und Krieg. Denn die österreichische Arbeiter*innenbewegung hat als Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg, aus dem Holocaust und der Shoah ein doppeltes Versprechen abgegeben: "Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg." Umso wichtiger ist es heute, wo so viele Kriege toben, wie schon lange nicht mehr, immer wieder an den zweiten Teil dieses Versprechens zu erinnern.

TT: Kann durch Demokratisierung dem Rechtsruck entgegengewirkt werden?

Axel: Hier muss die Frage gestellt werden, was wir unter Demokratie verstehen. Ein Kreuzerl alle paar Jahre bei Wahlen reicht in meinen Augen nicht, um ein System als demokratisch zu bezeichnen. Das hat auch die Arbeiter*innenbewegung früh erkannt und daher bei der Gründung der heutigen SPÖ den Parlamentarismus als "moderne Form der Klassendiktatur" bezeichnet. Daran hat sich meiner Meinung nach bis heute nichts geändert. Demokratie beginnt meiner Meinung nach dort, wo Menschen ständig gemeinsam über alle Bereiche ihres Lebens bestimmen können. Also auch im Betrieb. Und das wird nicht gehen, solange die Betriebe einigen wenigen gehören, statt uns allen gemeinsam. Mit Menschen meine ich alle, die hier leben und arbeiten – unabhängig von der uns aufgezwungenen Spaltung in Form der Staatsbürgerschaft. Wenn immer mehr Menschen aufgrund dessen, dass sie keine "Österreicher*innen" sind, von Wahlen ausgeschlossen sind, stellt das selbst das wenige an Demokratie, das die Arbeiter*innenbewegung vor etwas über 100 Jahren erkämpft hat, zunehmend in Frage.

TT: Dein Urgroßvater und dessen Brüder sind von den Nazis ermordet worden. Inwiefern hat das dein Leben beeinflusst?

Axel: Massiv. Es gibt wohl keine Geschichte, die ich als Kind öfter erzählt bekam, als die der Deportation meines Urgroßvaters. Oder wie es seine Tochter, meine Oma, ausgedrückt hat: "Sie haben ihn abgeholt." Ich habe damals nicht verstanden, was Religion überhaupt ist, geschweige denn "jüdisch sein" und erst recht nicht, warum deswegen jemand "abgeholt" werden kann. Hier komme ich wieder auf den Anfang unseres Gesprächs zurück. Im Nachhinein betrachtet war das wohl das erste Mal, dass ich etwas als ungerecht empfunden habe. Auch wenn mir dessen politische Komponente erst viel später klar wurde. Aber mein politisches und soziales Denken, mein solidarisches und internationalistisches Weltbild wird bis heute davon geprägt.

Ich kann und will nicht akzeptieren, dass Menschen, nur weil sie "anders" sind, weniger Rechte haben oder ungleich behandelt werden. Egal ob es um Religion, das Land der Geburt, die Hautfarbe, das Geschlecht, die sexuelle Orientierung, die Staatsbürgerschaft oder einen anderen Grund geht, der dazu herangezogen wird, um uns zu spalten, um uns schwach zu halten, um uns weiterhin dazu zwingen zu können, in einer Welt leben zu müssen, die für viel zu viele die Hölle ist, obwohl sie längst reich genug ist, um für alle der Himmel auf Erden sein zu können.

Veröffentlicht in Talktogether Nr. 96/2026