Ein großer Sieg für Indiens Bauern, doch kein Grund zu jubeln

28.01.2022

Interview mit Parmjeet Singh, Chefredakteur von Sikh Siyasat News, Punjab - Indien


Ein Jahr lang haben indische Bauern und Bäuerinnen an den Stadtgrenzen von Delhi gegen eine Agarreform protestiert, die den Essential Commodities Act außer Kraft setzen sollte. Dieser wurde 1955 von der indischen Regierung eingerichtet, um die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Produkten sicherzustellen. Das Gesetz garantierte einerseits den Bäuer*innen Mindestpreise für ihre Produkte, der Bevölkerung andererseits leistbare Grundnahrungsmittel. Die im September 2020 von der Regierung verabschiedeten Agrargesetze hätten es jedoch großen Konzernen erlaubt, in Ackerland zu investieren und mit Grundnahrungsmitteln zu spekulieren. Im November 2021 wurden die Gesetze aufgehoben, aber wie geht es weiter?

TT: Nach einem Jahr Kampf hat die indische Regierung die umstrittenen Agrargesetz zurückgezogen? Ist es ein Sieg?

PS: Natürlich ist es ein Sieg, aber dennoch ist es keine Lösung für unsere Schwierigkeiten, weil unsere Landwirtschaft und unsere Ökologie mit einer Reihe von komplexen Problemen konfrontiert sind. Was die Regierung vorhatte, hätte uns in eine noch schlimmere Situation gebracht. Wir haben es geschafft, eine Verschlechterung unserer Lage zu verhindern, aber die Probleme, mit denen wir schon vor diesen Agrargesetzen tun hatten, sind immer noch da.

TT: Könnten Sie uns diese Probleme kurz schildern?

PS: Erstens sind die indischen Bäuer*innen hochverschuldet. Sie bekommen für ihre Produkte keine fairen Preise, und das ist ein riesiges Problem für sie. Zweitens ist das landwirtschaftliche Modell, speziell wie wir es im Punjab haben, sehr ressourcenintensiv. Deshalb sind unsere natürlichen Ressourcen erschöpft. 2017 hat es eine Studie über den Grundwasserspielgel gegeben, in der festgestellt wurde, dass die Grundwasserressourcen innerhalb von 22 Jahren aufgebraucht sein würden. Bis dahin werden wir unsere Grundwasser aufgebraucht haben - inzwischen sind fünf Jahre vergangen. Heute sind 75 Prozent der Anbauflächen im Punjab abhängig von künstlicher Bewässerung. Wenn wir so weiter machen, wird das Grundwasser einfach verschwinden. Der Grund dafür ist der Erntezyklus, der von der indischen Zentralregierung durchgesetzt worden ist.

Solange es keine Diversifikation der angebauten Pflanzen gibt, solange die Bäuer*innen keine ausreichenden Preise für alternative Feldfrüchte erhalten, und solange kein für den Punjab spezifisches weniger ressourcenintensives Landwirtschaftsmodell eingeführt wird, solange werden wir die Probleme nicht lösen können. Die Anbaumethoden, die wir heute im Punjab haben, sind nicht für unsere Böden und unser Klima geeignet. Traditionelle Feldfrüchte wurden durch andere ersetzt, vor allem durch Reis. Wir brauchen eine größere Vielfalt der angebauten Pflanzen sowie gesicherte Preise für diese alternativen Produkte. Somit können wir sagen, es ist ein großer Sieg in dem Sinn, dass wir eine Verschlechterung unserer Situation abwehren konnten, doch unsere komplexen Probleme sind immer noch da.

TT: Wie konnten die Bauern und Bäuerinnen ihren Widerstand so lange durchhalten?

PS: Die Menschen haben erkannt, dass nicht nur die Landwirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft von diesen Agrargesetzen betroffen sein würde. Sie treffen die Bäuer*innen zwar direkt, aber sie haben auch Auswirkungen auf andere Teile der Gesellschaft. Da gibt es einen Zusammenhang. Wenn man Konzernen erlaubt, die Agrarprodukte zu monopolisieren, leiden nicht nur die in der Landwirtschaft tätigen Gemeinschaften, sondern die ganze Gesellschaft. Wenn man die Kontrolle über die gesamte landwirtschaftliche Produktion Konzernen überlässt, deren einziges Ziel die Profitmaximierung ist, werden nicht nur die Produzent*innen, die Bäuer*innen, leiden, sondern auch auf die Konsument*innen. Die Bäuer*innen konnten so lange durchhalten, weil es eine breite Teilnahme an diesem Kampf gegeben hat. Es hat Unterstützung von religiösen Organisationen gegeben, insbesondere von Sikh-Organisationen, die den Streik unterstützt haben, indem sie Essen an die Protestierenden verteilt haben, die nicht nur aus dem Punjab, sondern auch aus Haryana, aus Rajasthan, Madhya Pradesh und Uttar Pradesh an die Stadtgrenzen von Delhi gekommen waren.

Es gab auch Unterstützung aus anderen Teilen der Bevölkerung, insbesondere von der Sikh Diaspora. Mit ihrer Unterstützung ist es das erste Mal seit 2014 gelungen, die Handy- und Internet-Propaganda der BJP zu besiegen. Auch NGOs haben eine wichtige und hilfreiche Rolle gespielt, indem sie notwendige Anlagen und Infrastrukturen wie Zelte und warmes Wasser zur Verfügung gestellt haben. Der wichtigste Faktor aber war die Einsatzbereitschaft der Leute, die entschlossen waren, Delhi nicht zu verlassen, bevor diese Gesetze aufgehoben worden sind.

TT: Gab es seitens der Regierung Repression gegen die Protestierenden?

PS: Ja, es gab Repression. Tausende Aktivist*innen sind mit Gerichtsprozessen konfrontiert, weil sie während der Proteste an verschieden Orten die Autobahn blockiert hatten. Es gab auch Proteste gegen Repräsentanten der Regierungspartei, auch deshalb wurden viele angeklagt. Nach dem Vorfall am 26. Jänner 2021, nachdem protestierende Bäuer*innen die Polizeibarrikaden durchbrochen hatten und bis zum historischen Red Fort im Zentrum von Delhi vorgedrungen waren, versuchte die Regierung die Proteste mit brutaler Gewalt zu unterdrücken, indem sie ihren Mob auf die Protestierenden hetzte. Vom 28. bis zum 30. Jänner hat ein Mob aus Anhängern der Regierungspartei versucht, die Menschen anzugreifen, zu terrorisieren und eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen. Während die Schlägerbanden Bäuer*innen attackierten, wurden sie von der Polizei geschützt. Dann gab es den Vorfall in Lakhimpur Kheri, wo ein Fahrzeug, das vom Sohn eines Ministers der Regierungspartei gelenkt wurde, in eine Gruppe von Bauern fuhr, die friedlich von einem Protest zurückkehrte. Das Auto überrollte die Bauern, einige starben bei diesem Vorfall. Und in Karnal in Haryana wurde ein Zivilverwalter mit der Kamera eingefangen, als er der Polizei Anweisungen gab, auf die Köpfe der Bäuer*innen zu schlagen. Danach ist die Polizei mit brutaler Gewalt gegen die Protestierenden vorgegangen, eine Person ist an Kopfverletzungen gestorben, die ihr von Polizeibeamten zugefügt worden waren. Insgesamt kamen bei Protesten über 700 Menschen aus verschiedenen Gründen ums Leben, Unfälle eingeschlossen, da die Farmer*innen von der Regierung ein Jahr lang gezwungen worden waren, auf den Straßen zu protestieren. Aber es gab nicht nur direkte und indirekte Repression, sondern auch gezielte Falschmeldungen, welche die Protestierenden als Separatisten diffamierten, auch das können wir als eine Art von Repression bezeichnen.

TT: Hat es nur in Delhi Proteste gegeben, oder fanden diese auch in anderen Teilen Indiens statt?

PS: Ja, es gab auch Protestmärsche in anderen Teilen Indiens. Vorwiegend kamen die Protestierenden aus dem Punjab, Haryana und Uttar Pradesh, aber es sind auch Bäuer*innen aus Rajasthan und Madhya Pradesh gekommen. Indien ist ein sehr großes Land und die Hauptstadt Delhi liegt im Norden. Vom Punjab bis Delhi sind es ungefähr 500 km, bis in den Süden des Landes beträgt die Entfernung aber über 2000 km. So kamen Abgesandte aus anderen Teilen Indiens nach Delhi, und dann gab es auch Demonstrationen in anderen Teilen des Landes. Bäuer*innen aus anderen Teilen Indiens haben also auch kontinuierlich an den Protesten teilgenommen, aber sie konnten es nicht auf die gleiche Weise tun wie diejenigen aus Haryana, aus dem Punjab oder aus dem Westen von Uttar Pradesh, die in der Nähe der Hauptstadt leben. Somit können wir sagen, dass der Hauptprotest zwar um Delhi herum stattfand, aber auch Protestierende aus anderen Regionen Indiens daran teilgenommen haben.

TT: Was sind die wichtigsten Herausforderungen für die Zukunft?

PS: Lasst uns zuerst über die Forderungen reden. Tausende Bäuer*innen sind mit Gerichtsprozessen konfrontiert. Die erste Forderung ist deshalb, dass alle Anklagen fallengelassen werden und eine generelle Amnestie ausgesprochen wird für alle, die an den Protesten teilgenommen haben. Die zweite Forderung ist ein garantierter Mindeststützpreis, der sich als wirksames Instrument für ein gesichertes Einkommen für die Bäuer*innen erwiesen hat. Außerdem wird Schadenersatz für die Familien derjenigen gefordert, die ihr Leben während der Proteste verloren haben. Das sind die unmittelbaren Forderungen.

Nun zu den Herausforderungen: Das zentralisierte Agrarsystem ist nicht geeignet für ein Land, das so vielfältig ist. Es gibt große Unterschiede in Bezug auf das Klima, die natürlichen Ressourcen, aber auch hinsichtlich der Traditionen, der Bodenqualität und all das. Wir brauchen regionale Modelle. Im Punjab benötigen wir eine Diversifizierung der angebauten Pflanzen und gesicherte Preise für die alternativen Agrarprodukte. Die Herausforderung besteht darin, ein spezifisches Agrarmodell für den Bundesstaat zu schaffen, das weniger ressourcenintensiv und ökologischer ist, und das den Bauern ein besseres Einkommen sichert. Das sind die Hauptherausforderungen, und die können nur durch einen Kampf erreicht werden, der die Machtbeziehungen zwischen dem Zentralstaat und den Regionen neu definiert.

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Das Gespräch hat am 03.12.2021 per Telefon stattgefunden und wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt.


Interview with Paramjit Singh, Chief Editor of Sikh Siyasat News Network, Punjab - India

Original interview in English


After one year of struggle the controversial farm law was repealed. Is it a victory?

PS: Yes sure, it is a victory, but it is not a total solution to our problems. Because our agriculture, our farming sector, and our ecology have complex problems. What the government was doing was turning the complexity of problems into a worse situation. So we were able to avoid the situation from further worsening, but the complex problems we were facing before these farm laws are still there.

Can you explain these problems shortly?

PS: First, in India farmers are in huge debt. They don't get a proper price for their agricultural produce. This is a big problem for the farming section. Second, the agricultural model we have, especially in Punjab, is very resource intensive. Because of that our natural resources are exhausted. There were studies about the groundwater level in 2017 which showed that the groundwater in Punjab will be finished in 22 years - in the meantime 5 years have passed. Until then we would have used all our groundwater resources. Presently 75 percent of the agriculture in Punjab is dependent on groundwater. So the groundwater will just disappear. This is because of a crop cycle which is a result of the Indian Union Government's policy. Unless there is crop diversification and assurance that farmers get sufficient prices for alternative crops, and unless a Punjab specific less resource intensive agriculture model is implemented, we are not going to come out of the problems we are facing. And then there are ecological problems because the crop cycle in Punjab is not suitable for our state and our climate. Traditional crops were replaced - especially for rice. Due to that we are exhausting our natural resources and our ecology is affected. Also our climate is changing. So we need crop diversification and assured prices for those crops. So we can say it is a big victory in the sense to avoid a situation that would have brought us in a worse situation, but the complexity of problems is still there.

How could the farmers sustain the resistance for such a long time?

First of all the people realized that all of society will be affected by these farm laws - not only the farmers. The farm laws were directly affecting farmers, but other sections of the society were also affected. There is an interrelation. If farming communities are going to suffer, all society is going to suffer, when they allow big corporations to monopolize the whole agricultural produce. When they are going to hand over the whole control to those in companies, whose only aim is to maximise their profit, not only the producers, the farmers, are going to suffer, also the consumer will suffer.

So farmers could sustain because there was wider participation in this struggle. There was support from religious organisations, especially Sikh organizations who supported the strike by providing food to the farmers who were protesting at the borders of Delhi - not only to farmers from Punjab but also farmers from Haryana, from Rajasthan, Madhya Pradesh and Uttar Pradesh. There was also participation from other sections of society but also especially from the Sikh Diaspora. This was the first time since 2014 that the ruling BJP's IT cell or online propaganda wing was defeated. This was possible with the wide support especially from Sikh Diaspora. Also NGOs played a very good supportive role and provided basic facilities and infrastructure like tents and warm water. But the most important factor was the commitment of people who were determined to stay in Delhi until these farm laws were repealed.

Is there repression from the government?

PS: Yes, there was. Not only thousands of farmers are facing cases against them, like for blocking the National Highway when they were holding protests at different sites. Then there were also protests against representatives of the ruling party, for those protests they are also facing charges against them. After the incident at 26th January, after protesting farmers broke through police barricades to reach Delhi's historic Red Fort complex, the government tried to repress the protest with brute force by using their mobs. From 28-30 January mobs belonging to the ruling party tried to terrorize people, they tried to attack protesting farmers and tried to create an atmosphere of fear. Miscreants were attacking farmers while police were protecting the attackers. Then there was an incident called Lakhimpur Kheri when a vehicle driven by the son of a ruling party minister ran over four farmers, who were returning from a protest site very peacefully. The vehicle ran over the farmers; some of them died in that incident. In Karnal, Haryana a civil administrator was caught on camera while issuing directions to police to break the heads of farmers. Later the police used brute force against farmers and a person died due to head injury caused by police personnel. More than 700 people died during the protest due to various reasons, including road accidents as famers were compelled by the government to engage in a year long protest on roads. So not only direct and indirect repression was there but also false propaganda that the protesters that they were anti-national, was also a kind of repression, we can say.

Were there protests only in Delhi or also in other parts of the country?

PS: There were also protest rallies in other parts of India. The predominantly participation was from Punjab, Haryana, Uttar Pradesh, from Rajasthan and Madya Pradesh also. India is a very vast region. The capital Delhi is in the Northern part. From Punjab to Delhi is about 500 km, but from Delhi to the southern parts of India it is more than 2000 km. So there was a represential partizipation from their side in Delhi, then they were holding protest rallies in their states. Other parts were persistently participating but they were not participating the way Haryana, Punjab or Western UP were able to participate, because they are located in proximity of the Capital of Delhi. So we can say that the main protest was localized around Delhi but protesters from other parts of India also participated in it.

What are the main challenges for the future?

PS: Let's talk about demands. Thousands of farmers are facing criminal charges. So now the first demand of the farmers unions is that those cases should be withdrawn and a widespread amnesty should be there. Then they demand a 'minimum support price' (MSP) which is a mechanism for an assured price for farmers' produce. They are also demanding compensation to the families of farmers who have lost lives during the protest. These are some immediate demands. When we talk about challenges: The centralized system is not suitable for a region that is so diverse. There are differences in climate, in natural resources, there are differences in terms of traditions, differences in soil quality and all that. We need localized models. Particularly in Punjab we need a diversification plan with assured prices for alternative crops. So the challenge is to create a specific model for Punjab that should be less resource intensive and more eco-friendly, and more economic returns for the farmers. These are the main challenges and could only be achieved through struggle to redefine power relations between the Union and the states.

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veröffentlicht in Talktogether Nr 79/2022

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