Corona-Dialog

13.02.2021

Unverständnis, moralische Verurteilung, Ausgrenzung ... können wir nicht auch anders mit den Widersprüchen und Problemen umgehen, die sich als Folge der Corona-Maßnahmen ergeben?

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Andrea: Ich habe gesehen, dass du an einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen hast. Ich bin schockiert! Wie kannst du nur mit Leuten auf einer Demo marschieren, die sich weigern, Masken zu tragen und Abstand zu halten? Das finde ich verantwortungslos. Wir müssen doch alles tun, damit nicht noch mehr Menschen sterben. Oder glaubst du etwa auch, dass das Virus nur eine Erfindung ist?

Birgit: Ich finde es ziemlich überheblich von dir, wie du über mich urteilst. Ich leugne nicht, dass es das Virus gibt, aber ich mache mir Sorgen, dass unsere Freiheit und unsere demokratischen Rechte eingeschränkt und wir bald in einem Polizeistaat leben werden. Wie lange sollen wir die ständige Panikmache durch die Medien und die Politik noch ertragen?

Andrea: Beklagst du dich, nur weil du nicht ins Gasthaus oder ins Theater gehen kannst? Das finde ich egoistisch. Weißt du nicht, was die Menschen durchmachen müssen, die in den Krankenhäusern arbeiten?

Birgit: Das weiß ich schon. Ich finde es auch unfair, dass Pflegekräfte so wenig verdienen und so lange Arbeitszeiten haben. Aber daran sind die Regierungen und Krankenhausverwaltungen schuld, die beim Personal immer mehr kürzen und stattdessen teure Geräte kaufen.

Andrea: Warum demonstrierst du dann nicht dafür, dass das Pflegepersonal höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bekommt, statt auf Corona-Demos zu gehen?

Birgit: Wenn es dafür eine Demo gibt, sag mir Bescheid, ich werde kommen. Trotzdem sehe ich nicht ein, warum wegen einer Krankheit mit einer Sterberate von nur wenigen Prozent die ganze Bevölkerung in Geiselhaft gehalten wird. Wir sollten uns lieber gesund ernähren und viel Bewegung in der frischen Luft machen, dann hat unser Körper genug Abwehrkräfte, um sich gegen das Virus zu wehren.

Andrea: Wie kann man aktzeptieren, dass so viele Menschen sterben? Haben die wenigen Prozent nicht auch das Recht, zu leben? Wir müssen solidarisch sein und zu Hause bleiben.

Birgit: Aber was ist, wenn die Corona-Maßnahmen mehr Schaden anrichten als die Krankheit? Der Mensch ist doch ein soziales Wesen, und Isolation ist eine Folter. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist überfüllt, Studenten leiden an Depressionen, weil sie keine Kontakte haben, es ist auch zu Selbstmorden gekommen. Denkst du nicht darüber nach, welche Folgen es für die Kinder haben wird, wenn sie so lange nicht in die Schule gehen und keine Freunde treffen können? Auch häusliche Gewalt und Alkoholismus haben wegen der Lockdowns zugenommen. Und was ist mit den Menschen, die jahrelang gearbeitet und gespart haben, um ein kleines Unternehmen zu eröffnen? Die stehen jetzt mit einem Haufen Schulden vor den Trümmern ihrer Existenz. Sollten wir nicht auch mit ihnen solidarisch sein?

Andrea: Ja, die Lockdowns verursachen große Probleme. Aber mit den halbherzigen Maßnahmen unserer Regierungen wird doch nur alles hinausgezögert! Ich bin für einen verschärften Lockdown, weil das alle führenden Wissenschaftler empfehlen. Es kann doch nicht sein, dass man sich in der Freizeit einschränken muss, aber jeden Tag im Bus und in der Arbeit mit vielen Menschen zusammentrifft und sich ansteckt. Deshalb sollten alle Betriebe zusperren, die keine lebenswichtigen Produkte herstellen, und zwar solange bis die Infektionszahlen auf null gedrückt worden sind. Natürlich muss es umfassende Hilfen für alle geben.

Birgit: Deinen Vorschlag halte ich für naiv und illusorisch. Wer soll das alles bezahlen? Bestimmt nicht unser Herr Bundeskanzler, seine Minister oder die Manager und Vorstandschefs. Am Ende sind es wir Steuerzahler*innen, die in Zukunft noch mehr arbeiten müssen und noch weniger verdienen werden, um die horrenden Schulden abzubezahlen. Viele Experten meinen auch, dass das Virus niemals verschwinden wird. Wir können doch nicht ewig im Lockdown bleiben. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, denn die Natur können wir nicht besiegen.

Andrea: Es gibt aber doch Länder, denen es gelungen ist, das Virus unter Kontrolle zu halten, China, Neuseeland, Vietnam und Kuba zum Beispiel! Es wäre besser, sich ein Beispiel an denen zu nehmen, anstatt mit Nazis und Identitären zu marschieren. Hast du kein Problem mit diesen Typen?

Birgit: Was kann ich dafür, dass sonst keiner für unsere Anliegen eintritt? Du weißt bestimmt auch, dass man bei einer Demo nicht kontrollieren kann, wer auftaucht, ob es nun die Identitären sind oder der Schwarze Block. Es stimmt aber nicht, dass die Leute auf den Demos alle Nazis sind. Es sind einfach Leute, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen.

Andrea: Hast du dir nie überlegt, warum wir überhaupt so viel arbeiten müssen, obwohl weltweit Überproduktion herrscht? Und warum so viele Menschen in Existenznot geraten müssen, nur weil eine Zeit lang weniger gearbeitet und produziert wird?

Birgit: Diese Fragen sind berechtigt, nur helfen sie den Menschen nicht, die jetzt Probleme haben. Wer autoritäre und noch strengere Maßnahmen fordert, statt sich für die Menschen einzusetzen, die ihre Jobs verlieren oder deren Unternehmen vor dem Ruin stehen, treibt sie doch regelrecht in die Arme der Rechten.

Andrea: Diese Gruppen interessieren sich doch nicht für eure Probleme, die nutzen nur eure Kritiklosigkeit aus! Glaubst du etwa auch, dass das Virus im Labor hergestellt worden ist?

Birgit: Nein, das glaube ich nicht. Es ist aber schon vorgekommen, dass ein Virus aus einem Versuchslabor entwichen ist. Aber egal, darum geht es nicht. An der Malaria sterben in Afrika jedes Jahr viel mehr Kinder, aber da wird nichts getan. In China hat man schon 1971 ein pflanzliches Malaria-Medikament entwickelt, das aber nicht zugelassen wurde, weil es die Pharmakonzerne verhindert haben. Und du weißt sicher auch, wie Südafrika darum kämpfen musste, um Medikamente gegen Aids herstellen zu können. Und jetzt reden sie davon, dass es darum geht, Menschenleben zu retten? Sie machen jetzt ein Riesengeschäft mit Impfstoffen, obwohl man gar nicht weiß, wie wirksam und sicher sie sind. Sollte man da nicht misstrauisch werden?

Andrea: Was würdest du dann vorschlagen? Wir können doch nicht einfach gar nichts tun ...

Birgit: Nein, eh nicht, aber es sollte nicht alles so diktatorisch von oben herab entschieden werden.

Andrea: Hm, da stimme ich dir zu. Wenn man diejenigen mitreden ließe, die täglich in den Schulen und Betrieben arbeiten, würden mehr Menschen die Maßnahmen mittragen, als wenn sie sich ignoriert und übergangen fühlen. Das wäre Demokratie. Man könnte sogar die Schüler*innen Vorschläge machen lassen, dann würden sie etwas wirklich Wichtiges fürs Leben lernen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 75/2021