Als alle Ohren hören konnten

22.09.2021

Wer zwischen 24. und 26. Juni der Glan entlang ging, vernahm ein vielstimmiges Murmeln, - sanfte Stimmen, die aus der Erde kamen, als ob die Geister der Vergangenheit an die Oberfläche drängten, um der Nachwelt über ihr Schicksal zu erzählen. Wer das Ohr an die Rohre hielt, konnte den Stimmen lauschen, die an ein Verbrechen erinnerten, das hier stattgefunden hat, über das aber lange geschwiegen wurde.

Hier, am Stadtrand von Salzburg zwischen Moosstraße und Kendlerstraße, stand nämlich von 1940 bis 1943 ein Lager, in dem 245 Angehörige der Volksgruppen der Roma und Sinti festgehalten und zu harter Arbeit gezwungen wurden. Einige von ihnen wirkten als Kompars*innen bei Leni Riefenstahls Film "Tiefland" mit. Die Filmemacherin, die durch NS-Propagandafilme bekannt geworden war, suchte nach Menschen mit südländischem Aussehen, und zwar ausgerechnet dort, wo sie aufgrund dieses Aussehens eingesperrt worden waren. Nach Beendigung der Dreharbeiten wurden die am Film Mitwirkenden zusammen mit den anderen Gefangenen in Konzentrationslager deportiert, wo nur wenige überlebten. Übrig blieben nur eine unvollständige Namensliste und ein paar biografische Daten, die vom Historiker Gert Kerschbaumer gesammelt und dokumentiert wurden. Heute erinnern am Schwarzgrabenweg Stolpersteine und ein Mahnmal an das Verbrechen, der Ort selbst, an dem das Zwangsarbeiterlager stand, blieb bis heute unmarkiert.

Für die Audio-Installation schrieben Aktivist*innen, Künstler*innen und Schriftsteller*innen Briefe an namentlich bekannte und unbekannte Verstorbene, die hier festgehalten wurden, diese wurden vorgelesen und aufgenommen. Dem Künstler*innen-Kollektiv bestehend aus Dominik Jellen, Aimée Andersen, Anna Szepes, Jonas Baur und Cat Jugravu ist es damit auf sensible und eindrucksvolle Weise gelungen, die Verstorbenen zu ehren und ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

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Warum habt ihr das Zwangsarbeitslager Maxglan gewählt?

Jonas Baur: Weil diese Salzburger Geschichte verdeckt, versteckt und für die meisten der hier lebenden Menschen unbemerkt blieb. Sogar in der direkten Nachbarschaft kennen viele diesen Ort nicht und wissen nichts über die Menschen, die hier eingesperrt waren. Salzburg scheint sich nach einer friedlichen Fassade zu sehen, doch um sich der Mechanismen des Rassismus und der Unterdrückung, die bis heute andauren, bewusst zu werden und eine Zukunft zu erschaffen, die für alle Menschen lebenswert ist, müssen wir auf die Vergangenheit achten, vor allem auf die Vergangenheit, die unsere unmittelbare Umgebung definiert.

Dominik Jellen: Wir waren über mehrere Monate hinweg auf der Suche nach der vergessenen oder absichtlich verlorengegangenen Geschichte der Stadt Salzburg. Bereits sehr früh, schon während der Findungsphase, hatten wir die Möglichkeit uns das notwendige (historische) Hintergrundwissen von entsprechenden Expert*innen zu erfragen und konzeptuell in unsere Arbeit einzuweben.

Anna Szepes: Wir möchten dem Salzburger HistorikerGert Kerschbaumer dafür danken, dass er sein Wissen mit uns geteilt hat.

Wie habt ihr über das ehemalige Lager in Maxglan erfahren?

Cat Jugravu: Ich glaube durch Dominik, der erwähnt hat, dass Salzburg diesen Teil seiner Geschichte irgendwie in der Seitentasche versteckt hat. Wir hatten das "Glück", dass er in Salzburg geboren und aufgewachsen ist. Mehr darüber haben wir aber erst erfahren, nachdem wir mit unserer Forschung über das Thema begonnen hatten. Zuerst haben wir uns gefragt, warum in Salzburg so viele Notreisende und Roma-Angehörige auf den Straßen sitzen, und inwiefern der tägliche Rassismus und die so offensichtliche Ungleichheit mit dem Mangel an aktiver Erinnerungsarbeit für das Zwangsarbeiterlager und das Schicksal der verfolgten und gefangenen Rom*njia und Sinti*zze zusammenhängt.

Wie ist die Idee mit der Audio-Installation entstanden?

Anna: Das zentrale Motiv für unser Projekt war die Erde, auf dem das Lager stand. Inmitten der auffallenden Unsichtbarkeit, in der das Verbrechen der Vergangenheit verdeckt und unausgesprochen blieb, wo heute nur endlose grüne Felder liegen, erinnert sich vielleicht nur die Erde an den Terror. So fragten wir uns: Was hat diese Erde erlebt, was verbirgt sich unter ihr? Welche Art von Geschichten, Spuren und Echos sind hier begraben, und wie können wir sie sichtbar und hörbar machen?

Cat: Da wir wenig Zeit und Geld zur Verfügung hatten, mussten wir uns etwas Neues einfallen lassen. Eines Morgens gelang es uns dann, unsere seltsamen Gedanken und Träume in unserer Gruppe zusammenwachsen zu lassen, und sind bei der Idee eines "sprechenden Feldes" angekommen.

Dominik: Zu Beginn war unsere Arbeit nicht als Audio-Installation konzipiert, sondern hatte in den verschiedenen Stadien der Recherche unzählige "artistische Gesichter". In einem der regelmäßigen Jour Fixe des Projekts kamen wir dann auf den Leitsatz "Erde als Metapher/Erde als Beobachterin und Zeugin". Von dort aus begannen dann die Überlegungen, wie wir den Boden zum Sprechen bringen können, wie er uns allen aus der Vergangenheit erzählen und so eine Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt schlagen kann.

Warum habt ihr euch für Briefe entschieden?

Cat: Briefe waren ein wichtiges Zeichen der Hoffnung in den Jahren 1933-1944, obwohl Gefangene in den KZs der Nazis nur sehr beschränkt Briefe versenden und erhalten durften. Die Briefe erreichten zuerst die Hände der Soldaten und unterlagen deren Zensur. Sie mussten in Deutsch verfasst sein, um vom SS-Personal gelesen werden zu können. Wir hatten die Hoffnung, dass die Rom*njja und Sinti*zze-Küntler*innen, Schriftsteller*innen und Aktivist*innen mit ihren Briefen und Aufnahmen dieses Gefühl von Empowerment und Hoffnung und einen Teil von sich selbst vermitteln können. Und wir hatten recht! Briefe sind zwar ein Symbol einer romantizierenden Vergangenheit, aber sie können Gedanken, Fakten und Ideen vermitteln, ohne ihre affektive und emotionale Qualität zu verlieren. Genauso sollte Erinnerungsarbeit sein: eine Symbiose aus Tatsachen und Gefühlen - allumfassend und unvoreingenommen.

Dominik: Einer unserer ersten Kontakte war die Autorin Gitta Martl, die in ihrem Buch "Bleib Stark" als Vorwort einen von ihr selbst verfassten Brief an ihren Großvater veröffentlicht hat. Das Buch erzählt über das Leben ihrer Familie als Verfolgte und Verstoßene in der Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit, und beschreibt einen langjährigen und kräfteverzehrenden Kampf um die Anerkennung und Sichtbarmachung "verschwindender Geschichte". Dieser Brief war für mich mit einer solchen Kraft formuliert, mit dem Wunsch diesen eigentlich doch so nahen, aber fremden Menschen besser kennenlernen zu wollen, aber der Unmöglichkeit dies zu tun. Dieses Zurückholen eines Menschen in die eigene Erinnerung, ihn herein in unser/mein eigenes Leben einzuladen, war die Grundidee des Briefformats für mich.

Habt ihr auch einen persönlichen Bezug zu dem Thema?

Cat: Zum Thema Porajmos, dem Genozid an den Roma während des Holocaust, nicht, aber ich erinnere mich, dass meine Mutter sich über ihre Geschwister lustig machte, die uneheliche Kinder eines fahrenden Roma-Musikers waren, der ein paar romantische Begegnungen mit meiner Großmutter gehabt hatte. Ich erinnere mich auch, dass ich die Großmutter während meiner ganzen Kindheit und einigen Teenager-Jahren nicht über ihre Familiengeschichte ausfragen durfte. Ich erinnere mich auch an Stimmen hier und da, die mich "ţigan/Zigeuner" nannten. Ich habe die Stimmen ignoriert, weil ich gelernt hatte, dass die Einbürgerung die genetische Abstammung ersetzt. Gemäß meinen Eltern war ich ein normaler "weißer" Rumäne und bin es noch immer, aber ich bin zum Teil auch Roma. Ich werde mir dessen immer mehr bewusst und bin auch stolz darauf.

Wie wird in Salzburg mit der Vergangenheit umgegangen?

Jonas: Ein Nazi-Zwangsarbeiterlager in einer Stadt, verschwunden, nicht erkennbar, ein Ort des rassistischen Terrors und mörderischer Unterdrückung nicht gekennzeichnet, sondern landwirtschaftlich genutzt - das sagt doch alles. Man muss Salzburg enorme Anstrengungen attestieren, um die Vergangenheit zu verdecken. Die Fassade eines barocken Disneylands wird geschützt und hochgehalten - auf die historische und gegenwärtige Unterdrückung hinzuweisen, scheint dieses Selbstbild zu stören. Die Geschichten der unterdrückten Salzburger Mitbürger*innen werden weiterhin weggestoßen, das Bewusstsein fehlt, wie sehr die Gegenwart durch die Geschichte geprägt wird. Wie wir mit den versteckten und nicht erzählten Geschichten umgehen, bestimmt jedoch unsere Zukunft.

Dominik: Es ist ja nicht die ganze Geschichte, die hier in Salzburg Stadt dem Vergessen anheimfällt. Es ist vor allem jene Geschichte, die der Stadt oder vielmehr ihrem Image als nun bereits 100 Jahre alte Burg der Hochkultur und zuvor des reinen, christlichen Glaubens, schmerzen könnte. Etwas aufwühlen könnte, dass da nicht aufgewühlt werden will. In den letzten beiden Jahren meiner künstlerischen Praxis bin ich Haubentaucher und Müllforscher geworden, auf der Suche nach Dingen, die der Stadt ein wenig wehtun könnten. Dornen der Geschichte oder Glassplitter, die ausnahmsweise nicht an den Kai-Ufern von Salzburg vergraben und vergessen wurden. Denn Erinnern ist meist umständlicher als das Vergessen.

Wie setzt sich die Ausgrenzung von damals bis heute fort?

Jonas: Ich selbst habe ein Problem damit, die Unterdrückung der Roma und Sinti zu beschreiben, da ich als privilegierte weiße Person nicht unter Rassismus leide. Ich kann nur denjenigen zuhören, die tagtäglich damit konfrontiert sind oder in ihrer Arbeit damit umgehen müssen. Ich kann mich nur an meine Beobachtungen klammern. Es verletzt mich in meiner Komfortzone, wenn ich die Leute auf den Straßen Salzburgs betteln sehe. Das ist nur ein kleiner Einblick in die Unterdrückung, an die wir uns schon gewöhnt haben, die uns jedoch zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft durch Gewalt und Ungleichheit strukturiert ist.

Warum ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit wichtig?

Cat: Sie ist wichtig, weil ich überzeugt bin, dass Trauern und Erinnern Teile eines natürlichen Heilungsprozesses sind, und dass wir die Zeit und den Raum bekommen sollten, diesen Prozess zu durchlaufen. Sie ist wichtig, weil sie unterstreicht, welches Unrecht wir verübt haben, und was niemals wiederholt werden sollte. Sie ist wichtig, weil sie eine gemeinsame Praxis ist, die Menschen in Raum und Zeit mental zusammenbringt, sie ist aber auch eine schwierige Sache in einer Zeit, in der wir uns mehr auf Trennendes als auf Verbindendes fokussieren.

Wie seht ihr eure Rolle als Künstler und Künstlerinnen?

Jonas: Ich versuche Theater als einen Raum zu verstehen und zu kommunizieren, in dem viele Geschichten Gültigkeit haben und eine breite Palette von Erzählungen Ausdruck finden - es gibt ja nie nur die "eine Geschichte". Theater und Performance bieten die Möglichkeit, sie greifbar zu machen. Wenn wir eine vernunftgeleitete, freundliche, mitfühlende und gleichberechtige Zukunft erschaffen wollen, müssen wir uns zusammenschließen und unsere Ideen, Ängste und Hoffnungen austauschen. Wir brauchen radikale Sorgsamkeit füreinander und sollten denen zuhören, deren Geschichten ungehört geblieben sind, um damit die herrschenden Machtstrukturen auszuspülen. Ich wünsche mir, zusammen mit allen Mitwirkenden und Ensemble-Mitgliedern eine Erfahrung des Respekts, des Teilens, der Fürsorge und der Verantwortung füreinander zu ermöglichen, die uns dabei hilft, uns eine Gesellschaft vorzustellen, in der wir mehr Gleichheit leben können, und das ist doch schon ziemlich viel.

Cat: Wir können auch die anhaltende Homo- und Transphobie beobachten, vor allem in Ländern wie Polen und Ungarn. Ich denke, es ist wichtig, informiert zu sein, was rund um uns herum geschieht, und den Menschen Macht zu geben, die direkt von Rassismus, Sexismus und Homo-/Transphobie betroffen sind. Das wichtigste ist im Moment, nicht aufzugeben, im Austausch zu bleiben und starke, beständige Gemeinschaften zu bilden. Mit unserer Theaterpraxis wollen wir sichere Räume der Aufmerksamkeit schaffen, in denen ein Heilungsprozess initiiert werden kann, denn nur wenn wir unsere eigene Umwelt stärken, können wir schädlichen Ideologien widerstehen, die unsere fundamentalen demokratischen Rechte bedrohen.

Wollt ihr uns ein bisschen über euch erzählen?

Jonas: Wir kamen als Kollektiv dank unsere Master-Programms Applied Theatre - Artistic Practice and Society am Thomas-Bernhard-Institut an der Universität Mozarteum zusammen. Uns fünf vereinigen unterschiedliche Hintergründe, unterschiedliche Schwerpunkte und unterschiedliche berufliche Erfahrungen. Von der Darstellung auf der Bühne bis zum Kostümdesign, von der Soziologie bis zur Theaterpädagogik können wir auf eine Reihe von Kompetenzen zurückgreifen. Die beschriebene Audio-Installation war ein Semesterprojekt, das wir weiterentwickeln und an verschiedene Kontexte anzupassen möchten, um es auf eine nachhaltigere Spur jenseits des Uni-Rahmens zu bringen.

Cat: Ich möchte auch erwähnen, dass dieses Projekt mit Unterstützung unserer großartigen Mentor*innen Ulrike Hatzer und Trace Polly Müller entstanden ist. Ich glaube nicht, dass wir ohne ihre Unterstützung und ihre Hinweise soweit hätten kommen können. Generell schätze ich mich sehr glücklich, Teil des MA Applied Theatre - künstlerische Theaterpraxis und Gesellschaft zu sein. Der Studiengang wird von Univ. Prof. Ulrike Hatzer und der Künstlerin Judith Phillipa Franke geleitet und ist einzigartig, da er der einzige Studiengang für angewandtes Theater in Kontinentaleuropa ist, in dem die Unterrichtssprache Englisch ist. Ich halte dies für erstaunlich inklusiv und vielfältig und empfehle allen, die an einer solchen Praxis interessiert sind, sich uns anzuschließen oder uns zumindest zu besuchen.

Dominik: Kommt doch vorbei in der Franz-Josef-Straße 2, 2. Jahrgang des Lehrgangs für Applied Theatre am Mozarteum Salzburg.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 77 / 2021