25. November: Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

25.11.2020

Frauen werden in ihren Häusern eingesperrt, sie sterben bei unsicheren Abtreibungen. Bedrohung und Belästigung, die Abtreibung weiblicher Föten, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung, Freiheitsberaubung, Erniedrigung, Vergewaltigung und Mord ... die Liste der Grausamkeiten, die gegen Frauen und Mädchen nur aufgrund ihres Geschlechts begangen werden, ist lang. Die Bedrohung durch diese Angriffe zwingt die Frauen in enge Schranken. Vergewaltigungen werden auch als Kriegswaffe eingesetzt, um den (männlichen) Gegner zu demütigen. Die Gewalt findet aber nicht nur in der Ferne statt, auch in unserer Nachbarschaft werden Frauen tagtäglich krankenhausreif geschlagen, bedroht, kontrolliert und erniedrigt. Oft wird ihnen diese Gewalt nicht von Fremden zugefügt, sondern findet in den eigenen vier Wänden statt. Die Gewalt geht durch alle Gesellschaftsschichten und ist unabhängig von Herkunft, Kultur und Einkommen.

Am 25. November - dem Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen - wird jedes Jahr auf diese Gewalt aufmerksam gemacht und zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufgerufen. Hintergrund für die Initiierung dieses Aktionstages war die Ermordung der Mirabal-Schwestern am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik. Der damalige Diktator Rafael Leónidas Trujillo Molina ließ die Schwestern Patria, Minerva und María Teresa Mirabal nicht nur ermorden, weil sie und ihre Männer gegen seine Politik protestiert hatten, sondern auch weil eine von ihnen seine sexuellen Avancen zurückgewiesen hatte.

Der Tod der Schmetterlinge

Am 25. November 1960 verließen Patria (36), Minerva (34) und María Teresa (25) das Anwesen ihrer Eltern, um ihre seit zehn Monaten inhaftierten Männer im Gefängnis in der 70 km entfernten Stadt Puerto Plata zu besuchen. "Etwas Bedrohliches lag in der Luft", erzählt die einzige überlebende Schwester Dedé, die zu Hause geblieben war, um sich um die Kinder ihrer Schwestern zu kümmern. In der Nacht wartete sie vergeblich auf ihre Rückkehr. "Es dämmerte schon, als schließlich ein Junge auf einem Maultier ankam. Da wusste ich, Trujillo hatte sie umbringen lassen". Drei Mütter und ein Fahrer seien bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen, stand in der Abendzeitung. Um das Verbot, die Särge zu öffnen, kümmerte sich die Familie nicht und der Anblick, der sich bot, bestätigte die Vermutungen: Die Schädel der Toten waren zertrümmert, am Hals waren Würgespuren zu erkennen.

Drei Jahrzehnte lang hatte Trujillo, ein ehemaliger Krimineller, der mit US-Unterstützung an die Macht kam, die Bevölkerung tyrannisiert. Alle, die gegen ihn opponierten und ihm gefährlich wurden, ließ er kurzerhand ermorden. Und wenn er eine hübsche Dame aus der guten Gesellschaft begehrte, akzeptierte er kein Nein. Deshalb wurde er hinter der Hand von der Bevölkerung als "geiler Ziegenbock" tituliert. Doch Minerva hatte ihn auf einer Tanzveranstaltung zurückgewiesen. Am nächsten Tag wurde sie verhaftet und erst wieder freigelassen, nachdem sie sich auf Drängen ihrer Familie für ihre Unhöflichkeit entschuldigt hatte. Doch seitdem machte der Diktator der Familie das Leben zur Hölle.

Die Mirabal Schwestern stammten aus der Oberen Klasse und wuchsen in einer kultivierten Umgebung auf. Sie waren verheiratet, ihr Vater war ein wohlhabender Geschäftsmann. Weil Trujillo das Land in ein wirtschaftliches Chaos geführt hatte, verlor die Familie jedoch fast ihren gesamten Besitz. Die Mirabal-Schwestern begannen sich in der Bewegung gegen den Diktator zu engagieren. Minerva, die selbstbewussteste der Schwestern, studierte Jura und gründete eine Widerstandsgruppe, die unter ihrem Untergrundnamen "Las Mariposas" (die Schmetterlinge) bekannt wurde. Zwei der Schwestern wurden mehrmals verhaftet und gefoltert, drei ihrer Ehemänner wurden ins Gefängnis verbannt.

Doch trotz aller Rückschläge gaben die Schwestern ihren Kampf nicht auf, da beschloss Trujillo sie loszuwerden. Als sie ihre Männer im Gefängnis besuchten, ließ er sie entführen. Sie wurden in ein Zuckerrohrfeld geführt, wo sie geschlagen und erwürgt wurden. Der Tod der drei Schwestern rief jedoch im Volk eine so große Empörung hervor, dass sich immer mehr Menschen gegen den Diktator erhoben, was schließlich in der Ermordung des "Ziegenbocks" sechs Monate später gipfelte.

Auf dem ersten feministischen Kongress lateinamerikanischer Frauen 1981 schlug die dominikanische Schriftstellerin Angela Hernández den Todestag der Schwestern Mirabal als Aktionstag gegen Gewalt an Frauen vor: "Minerva, Patria und María Teresa sind ein Symbol für die sexuelle, politische und kulturelle Gewalt, unter der Frauen in aller Welt zu leiden haben."


Auszüge aus einem Interview mit Hale Dönmez vom Gewaltschutzzentrum Salzburg 2015:

Was ist deine Definition von Gewalt?

Hale: Gewalt ist nicht nur körperliche Gewalt. Die Auswirkungen von psychischer Gewalt können genauso schlimm sein wie bei körperlicher Gewalt, zum Teil zeigen sie sich auch körperlich durch psychosomatische Erkrankungen und chronische Schmerzen. Es werden Abhängigkeiten missbraucht, es wird gedroht, das Selbstbewusstsein schwindet und der andere wird immer mächtiger und mächtiger. Es gibt auch soziale und ökonomische Gewalt, zum Beispiel wenn der Mann Alleinverdiener ist und verheimlicht, wie viel er verdient, der Frau kein Haushaltsgeld gibt. Das wird aber von den wenigsten als Gewalt wahrgenommen. Ganz allgemein kann man von Gewalt sprechen, wenn ein bestimmtes Machtverhältnis des einen zum Schaden eines anderen ausgenutzt wird. Für mich beginnt Gewalt bei den Auswirkungen, beim Schaden, den ein Verhalten bei einer anderen Person hervorruft. Der Schaden kann sein, dass sich ein Mensch in seinem eigenen Bereich nicht mehr sicher und sich ohnmächtig fühlt.

TT: Tritt Gewalt in bestimmten Gesellschaftsschichten häufiger auf als in anderen?

Hale: Überhaupt nicht. Die Gewalt geht quer durch alle Gesellschaftsschichten, vollkommen unabhängig von Kultur, Bildung oder Einkommen. Der einzige Unterschied ist vielleicht, je gebildeter ein Täter ist, desto subtiler kann die Gewalt sein.

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Foto oben: "Der Vergewaltiger auf deinem Weg". Die Performance der chilenischen Gruppe Las Tesis wird auf dem Alameda Central in in Mexico City aufgeführt.

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