50 Jahre Soweto - Aufstand

04.09.2026

Gespräch mit Anna Hable-Mayer, Anti-Apartheid Aktivistin in Salzburg


TT: Wie bist du dazu gekommen, dich gegen die Apartheid zu engagieren? Was waren deine Motive?

Anna: In meinem Geschichtestudium habe ich mich viel mit Zeitgeschichte beschäftigt, auch mit dem Nationalsozialismus. Da bin ich zwangsläufig auf Südafrika gekommen. Es war für mich unbegreiflich, dass die westliche sich als demokratisch verstehende Welt ein Unrechtsregime unterstützt, das einen solchen Rassismus praktiziert. Meine Motivation war also in erster Linie Empörung. Die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) war damals ein Ort großer Offenheit. Beim Mittagskaffee sind immer viele Menschen zusammengekommen und haben diskutiert oder Zeitungen gelesen. Viele gesellschaftspolitische Initiativen sind dort entstanden, zum Beispiel das Lateinamerika-Komitee, das sich nach dem Putsch in Chile gebildet hatte.

Meine Freundin Eva Enichlmayr hatte mehr Bezug zum südlichen Afrika als ich, weil ihr Vater als Monteur in Südafrika und Zimbabwe gearbeitet hat. Dadurch hat sie schon 1976 den Schüleraufstand in Soweto mitbekommen, den ich– ich lebte in einer Kleinstadt und machte gerade die Matura – noch ein bisschen verschlafen hatte. Eva hat dann 1981 in der KHG die "Arbeitsgemeinschaft Südliches Afrika" ins Leben gerufen, und ich bin kurze Zeit danach dazugekommen. Ab 1983 nannte sich unsere Gruppe "Komitee Südliches Afrika", ab 1988 arbeiteten wir als Regionalgruppe der Anti-Apartheid-Bewegung (AAB).

TT: Gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Nationalsozialismus und der Apartheid?

Anna: Ja, ich denke schon. Es ist diese Idee, dass eine Gruppe aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer ethnischen Herkunft einer anderen überlegen ist. In beiden Fällen gab es auch ökonomische Hintergründe. In Südafrika ging es um die wirtschaftliche Vorherrschaft der Weißen. Das kam daher, dass Südafrika kolonialisiert wurde, zuerst von den aus Holland stammenden Buren (von niederländisch "Bauern"), dann von den Briten. Die Buren haben im 17. Jahrhundert als erste das Kap erobert und dort Siedlungen gegründet. Um die Vorherrschaft der Weißen abzusichern, wurde das System der Apartheid eingeführt. Als dann im Jahr 1948 die nationalkonservative Partei die Wahlen gewann, wurde sogar in die Verfassung geschrieben, wer hier welche Rechte hat.

TT: Apartheid ist also ein niederländisches Wort?

Anna: Ja, es bedeutet Trennung. Den Weißen gehörte das Land, während den Schwarzen die Staatsbürgerschaft entzogen und sie in sogenannte Homelands zwangsumgesiedelt wurden, die jedoch nur ein paar Prozent des ganzen Landes ausmachten und zudem sehr unfruchtbar waren. Damit wurde die schwarze Bevölkerung zu Ausländer*innen im eigenen Land gemacht. Weil man aber Arbeitskräfte brauchte, wurden rund um die Großstädte und Industriegebiete sogenannte Townships gegründet, damit die Menschen in der Nähe ihrer Arbeitsstätten wohnen konnten. Es wurden strenge Passgesetze eingeführt. Schwarze Südafrikaner*innen ab 16 Jahren mussten jederzeit einen Pass mit sich führen, und nur wer eine Arbeitsstelle nachweisen konnte, durfte sich im städtischen Gebiet aufhalten. Ab 22 Uhr waren die Städte für Schwarze geschlossen. Wer ohne gültiges Dokument erwischt wurde, dem drohten Verhaftung, Geldstrafen und Folter.

TT: Wann sind die ersten Anti-Apartheid-Initiativen in Österreich entstanden?

Anna: Nachdem 1976 im Zuge einer spontanen Schülerdemonstration in Soweto, einem Vorort von Johannesburg, 700 Kinder umgebracht worden waren, war die Empörung über das brutale Vorgehen der Polizei groß. Und so wurde das Ereignis zum Startschuss für ein weltweites politisches Engagement. Damals ist auch die Anti-Apathie-Bewegung in Wien gegründet worden. Es hat dann jedoch etwas gedauert, bis die Bewegung auch in den Bundesländern angekommen ist. Wir in Salzburg waren ursprünglich eine studentische Gruppe, später sind auch andere Personen dazugekommen.

TT: Welche Aktionen hat eure Gruppe organisiert?

Anna: Zuerst standen wir vor der Herausforderung, uns selbst über die Lage zu informieren, was nicht einfach war, weil Österreich damals noch ziemlich abgeschirmt war – es hat ja noch kein Internet gegeben. Durch die Medien haben wir nicht viel erfahren, es gab nur ein paar Bücher und englischsprachige Zeitschriften, die wir abonniert haben. Daraus haben wir uns Material zusammengesucht, die Informationen aufbereitet und eine Ausstellung zusammengestellt, die in der KHG gezeigt worden ist, so wie auch jetzt wieder zum 50. Jahrestag des Aufstands. Das hat sehr mobilisierend gewirkt und das war für viele ein Anlass, sich eingehender mit der Thematik auseinanderzusetzen.

TT: Wie habt ihr versucht, die Menschen zu erreichen?

Anna: Wir haben Infostände gemacht und Flugblätter verteilt, natürlich immer in Zusammenarbeit mit der Anti-Apartheid-Bewegung Österreich und Organisationen wie Amnesty International, weil diese mehr Kontakte hatten als wir, wir waren ja nur eine kleine lokale Gruppe. Gemeinsam haben wir Petitionen gegen die Todesstrafe von politischen Gefangenen in Südafrika, und später die Kampagne "Free Nelson Mandela" unterstützt. Bald wurde uns klar, dass Informationen allein nicht reichen. So haben wir zusammen mit der evangelischen Kirche einen Aufruf zum Früchteboykott gestartet. Dieser ist einhergegangen mit der Aktion "Kritischer Konsum" vom österreichischen Informationsdienst für Entwicklungspolitik, bei der dazu aufgerufen wurde, genauer hinzuschauen, woher Produkte kommen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden, was damals ein ziemlich neuer Ansatz war. Wir wussten, dass der Früchteboykott keine großen wirtschaftlichen Auswirkungen haben würde. Aber er war ein Mittel, um Menschen aufmerksam zu machen. Wir haben jedes Jahr eine Boykottwoche organisiert, meistens in Zusammenarbeit mit "Das Kino", wo 1988 auch der Film "Schrei nach Freiheit" gezeigt wurde. Außerdem organisierten wir Diskussionsveranstaltungen und Konzerte. Im Jahr 1989 fand unsere größte Aktion statt, an der sich auch Schulen beteiligten, wodurch wir sehr viele Menschen erreichen konnten.

TT: Ihr habt auch einen Kino-Vorspann hergestellt...

Anna: Genau. Den haben wir zusammen mit dem "Verein für Gegenöffentlichkeit" (Gegenlicht) produziert. Das war ein Zusammenschluss von Studierenden der Publizistik, der sich zum Ziel gesetzt hatte, eine Gegenöffentlichkeit zur konservativ geprägten Salzburger Medienlandschaft zu schaffen. Gemeinsam haben wir aus Dias und Tonaufnahmen – damals noch auf Kassette – relativ professionell eine Ton-Dia-Schau zusammengestellt, die in "Das Kino" vor den Filmen abgespielt wurde.

TT: Wie waren die Reaktionen auf eure Kampagnen?

Anna: Es war damals nicht schwer, in den Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, in der Arbeiterkammer und anderen Organisationen kooperationsbereite Menschen zu finden. Ich sage nicht, dass in diesen Organisationen alle auf unserer Seite standen, aber es hat dort Menschen gegeben, mit denen wir solidarisch und selbstverständlich zusammenarbeiten konnten. Da standen die Türen offen. Ich habe angerufen: "Wir machen das, seid ihr dabei?" und hatte zehn Unterstützer. Wir waren eine breite Allianz aus kirchlichen, kommunistischen und sozialistischen und Organisationen. Und dann hat es den entwicklungspolitischen Beirat der Salzburger Landesregierung gegeben, die den Landeshauptmann in Fragen der Entwicklungspolitik informiert und beraten hat. Dies hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der südafrikanische Club, eine Vertretung des Apartheid-Regimes, im Bundesland Salzburg nie öffentlich aufgetreten ist.

TT: Das heißt, die Politik war auch bereit, diese Informationen anzunehmen?

Anna: Damals hatten wir noch die Möglichkeit, mit ethischen Werten wie den Menschenrechten zu argumentieren. Das hat sich leider stark verändert. Aber wenn wir Flugblätter verteilt oder Unterschriften gesammelt haben, sind wir schon in Kontakt mit Menschen gekommen, die anderer Meinung waren. Es war zum Teil schlimm, was für einen offenen Rassismus wir manchmal zu hören bekamen. Auch wenn ich in den Salzburger Nachrichten Leserbriefe geschrieben habe, habe ich oft unglaubliche Briefe erhalten. Aber das war auch ein Grund, warum ich mich engagiert habe. Weil es nicht geht, dass in einer Demokratie solche Einstellungen transportiert und akzeptiert werden.

Aber es gab eine Ebene, auf der wir überhaupt nicht erfolgreich waren, das war die Ebene der Massenmedien. In den "Salzburger Nachrichten" hieß es halt, wenn die Weißen nicht mehr an der Macht sind, kommt es zu einem Blutbad. Vor allem haben sie den Zulu-Führer Buthelezi, der mit seiner Partei eine nationalistische Politik verfolgte und mit dem Apartheid-Regime kollaborierte, unterstützt. Im Gegensatz dazu verfolgte der ANC den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Menschen, die in Südafrika leben. Auch im ORF und in den sogenannten Mainstream-Medien sind wir mit unseren Themen nur schwer durchgekommen. Eine Ausnahme war das Rupertus Blatt, eine Zeitung, die von der katholischen Kirche herausgegeben wird. Dort hat es einen Redakteur gegeben, den Ferdinand Altnöder, der sich immer sehr konsequent für unsere Anliegen eingesetzt hat.

TT: Was würdest du als die wichtigsten Erfolge bezeichnen?

Anna: Dass es uns gelungen ist, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen und die Menschen auf die Ungerechtigkeit in Südafrika aufmerksam zu machen, auch mit Hilfe des Früchteboykotts. Ein bedeutender Erfolg war auch, dass der Verkauf des Krügerrands eingestellt wurde. Da diese Goldmünzen hier mehrwertsteuerfrei erworben werden konnten, war Österreich ein wesentlicher Umschlagplatz. Ein Fünftel der weltweiten Produktion wurde damals über Österreich verkauft. 1985 wurden der Verkauf und die Einfuhr dieser Münzen vom österreichischen Finanzministerium verboten. Doch schon davor hatte die Hypo-Bank, die damals im Besitz des Landes Salzburg war, zunächst die Werbung und dann den Verkauf in Salzburg gestoppt. Während der Früchte-Boykott eher symbolischen Charakter hatte, hatten diese Sanktionen tatsächlich nennenswerte wirtschaftliche Auswirkungen.

TT: Schadet ein Boykott den Betroffenen nicht?

Anna: Wir haben immer argumentiert, dass wir uns nicht zutrauen würden, von uns aus Sanktionen zu fordern. Es geht nicht um unser Land und um unser Leben, deswegen müssen wir uns daran orientieren, was für uns maßgebliche Gruppen in Südafrika verlangen. Diese waren der ANC (African National Congress), die Bürgerkomitees, die Gewerkschaften und die Kirchen. Die haben Sanktionen gefordert, und zwar mit dem Argument: "Wir werden dadurch zwar etwas mehr leiden, aber es gibt uns die Hoffnung auf Veränderung." Deswegen haben wir ihren Aufruf unterstützt. Und für die Wirtschaft Südafrikas, die so stark vom Westen abhängig war, waren diese Sanktionen massiv zu spüren. Walter Sauer,langjähriger Vorsitzender der Anti Apartheid Bewegung (AAB), hat damals das Buch "Die Apartheid Connection" herausgebracht, in dem er die Wirtschaftsbeziehungen Österreich zu Südafrika minutiös dokumentiert hat. Die gingen bis zum Export von Waffen und militärisch nutzbaren Technologien. Die Anti-Apartheid-Bewegung hat dann Einfluss auf die Politik genommen, so dass die Waffenexporte verboten wurden.

TT: Das heißt, die Politik hat auf eure Forderungen reagiert.

Anna: Ja, die Bewegung hat Einfluss gehabt. Vertreter*innen wurden auch zu Gesprächen eingeladen, unter der Regierung von Bruno Kreisky war die politische Situation aber noch eine andere. 1988 ist es zu einem Koalitionsstreit gekommen, als Buthelezi zum Forum Alpbach in Tirol eingeladen wurde. Innenminister Karl Blecha und die SPÖ hatten ihm die Einreise verweigert, Außenminister Alois Mock stellte ihm trotzdem ein Visum aus. Doch auch wir sind aus ganz Österreich zu einer unüberhörbaren Protestkundgebung nach Alpbach gereist. In den großen Massenmedien, vor allem in der Kronen-Zeitung, ist der Rassismus zwar noch viral gegangen, aber langsam hat sich die Stimmung im Land verändert. Wir haben auch mit anderen zivilgesellschaftliche Initiativen wie der Friedensbewegung zusammengearbeitet, und so haben unsere Ideen allmählich auch den Mainstream erreicht. Unsere Gruppierungen waren zwar klein, aber dafür, dass wir nur wenige Menschen waren, haben wir relativ viel bewirken können.

TT: Wie lange hat eure Gruppe existiert?

Anna: 1993 hat sich die Anti-Apartheid-Bewegung aufgelöst, und zwar wegen Erreichung des Vereinszwecks, was sehr selten ist. Damals fanden in Südafrika Wahlen statt und die Apartheid war Gott sei Dank vorbei. Als Nachfolgeorganisation wurde die SADOCC gegründet, die Südafrika und die Nachbarstaaten, die unter dem Terror von Südafrika auch sehr gelitten hatten, mit Projekten unterstützt hat.

Anna in der ORF Diskussionssendung Club 2, 1987 (Fotos: privat)

TT: Bist du stolz darauf, einen Teil dazu beigetragen haben, dass die Apartheid Geschichte ist?

Anna: Über die ganzen Jahre war es eine große Sorge von mir gewesen, ob wir auf der richtigen Seite stehen. Ich hatte richtig Bammel vor diesem Wandel. Als dann Wahlen stattfanden und kein umgekehrter Rassismus entstanden ist, war ich unglaublich erleichtert. Natürlich war auch Stolz dabei, einen kleinen Beitrag dazu geleistet zu haben. Wir haben viel Zeit und viel Energie und Emotionen in diese Arbeit gesteckt, und es war nicht klar, wie es ausgehen würde. Niemand hatte Nelson Mandela gekannt. Wir wussten nicht einmal, wie er aussieht. Er war ja 27 Jahre inhaftiert, davon 18 Jahre auf der Gefangeneninsel Robben Island. Niemand wusste, dass er mit seinen Mitgefangenen auf Robben Island praktisch eine Art politische Akademie aufgebaut hatte. Bei der politischen Riege, die nach dem Ende der Apartheid die Führung des Landes übernahm, handelte es sich hochqualifizierte Leute, die sich unter den extremen Bedingungen im Gefängnis zu späteren voll motivierten Spitzenpolitikern herausgebildet hatten. Vor allem aber besaßen sie eine unglaubliche Herzensgröße. Dass der Wandel friedlich und ohne Rache vollzogen wurde, ist sicherlich ein großes Verdienst von Nelson Mandela.

TT: Wie hast du das Ende der Apartheid erlebt?

Anna: Was mich besonders beeindruckt hat, war das Einrichten der Versöhnungskommission. Diese wurde 1996 von Nelson Mandela eingesetzt und stand unter der Leitung von Erzbischof Desmond Tutu. Man wollte die Täter nicht nur aburteilen und ins Gefängnis stecken, sondern einen Versöhnungsprozess einleiten. Diejenigen von der Polizei, die übergriffig waren und Menschen schweres Leid zugefügt hatten, ihre Fehler aber eingestanden und bereut haben, konnten straffrei gehen. Dieser Prozess, so wie ich ihn mitbekommen habe, war sehr tiefgreifend, und viele Menschen haben ihre Schuld bekannt. Es war ein Prozess des Verzeihens nicht nur für die eine Person, sondern für die ganze Gesellschaft. Das Konzept war zwar umstritten, dennoch halte ich es für sehr erfolgreich. Es gibt, glaube ich, nur wenige Staaten, wo so etwas funktioniert hat.

TT: Was denkst du, wenn du die heutige Situation in Südafrika betrachtest?

Anna: Die Vorfälle machen mich natürlich traurig. Menschen, die aus anderen Ländern eingewandert sind, werden als Konkurrenz angesehen, das ist leider überall ähnlich. Ich hätte mir gewünscht, dass sich die soziale Lage schneller verbessert. Aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem globalen Kapitalismus war es nach dem Ende der Apartheid aber nicht möglich, große Umverteilungen anzugehen. Wie kann man die Kluft zwischen Arm und Reich überwinden, wenn man Südafrika im weltwirtschaftlichen Gefüge lässt, um zu verhindern, dass das Kapital abgezogen wird und das Land wirtschaftlich zusammenbricht? Das ist eine Gratwanderung. Leider wurden zu wenige staatliche und gesetzliche Maßnahmen gewagt, um den Reichtum umzuverteilen. So sind die Gräben des Rassismus zwar abgebaut worden, doch die wirtschaftliche Ungleichheit ist bestehen geblieben. Ein anderes Problem ist, dass die Leute, die den Kampf gegen die Apartheid geführt haben, heute nicht mehr da sind, und die Politik heute leider von Korruption geprägt ist. Hinzu kommt, dass eine Bevölkerung, die durch grausame Unterdrückung und Benachteiligung traumatisiert worden ist, sich nicht so schnell frei entwickeln kann. Eine friedliche Gesellschaft aufzubauen, ist nicht leicht, noch dazu mit dieser Geschichte – das schaffen wir hier in Europa ja leider auch nicht.

TT: Wie könnte deiner Meinung nach eine Umverteilung des Reichtums aussehen?

Anna: Ich verstehe unter Umverteilung, dass der Staat Maßnahmen ergreift, um benachteiligte Bevölkerungsgruppen gezielt zu fördern. Einfach Land den einen wegzunehmen und es anderen zu geben, wie man es gemacht hat, als Zimbabwe 1980 unabhängig wurde, das ist leider schiefgegangen. Aus diesen Erfahrungen hat Südafrika gelernt.

TT: Was können wir im Rückblick heute aus der Bewegung von damals lernen?

Anna: Die gesellschaftspolitische Situation von heute ist einfach nicht vergleichbar mit der in den 1970er und 1980er Jahren. Ein gewisser ethischer Grundkonsens, mit dem man damals in der Politik noch etwas erreichen konnte, ist größtenteils verloren gegangen. Es ist heute viel schwieriger geworden, an ethischen Werten und Menschenrechten anzusetzen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass es unter jüngeren Menschen sehr viele neue Initiativen und Bewegungen gibt, die oft nicht so sichtbar sind. Es gibt unglaublich viele Menschen, die sich Gedanken machen und an einer anderen Zukunft und an einem anderen Miteinander arbeiten, auch an anderen Formen des Arbeitens und des Austauschens. Was wir durch die großen Medien wahrnehmen, ist, glaube ich, überhaupt nicht mehr repräsentativ für das, was tatsächlich in der Gesellschaft passiert. Auch wenn es heute nicht mehr möglich ist, so eine Wirkung auf die Politik zu erzielen, wie wir es damals konnten, bin ich trotzdem optimistisch, weil ich das Potential in unserer Gesellschaft sehe.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 97/2026

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