Gespräch mit Bella Sabriye-Glinski

06.02.2026

Anlaufstelle gegen Mädchenbeschneidung Ostschweiz und Liechtenstein


TT: Bella, du arbeitest als Leiterin der Anlaufstelle gegen Mädchenbeschneidung in St. Gallen. Wie ist es dazu gekommen?

Bella: Es war eigentlich ein Zufall, dass diese Stelle hier entstanden ist. Ich habe nebenbei als Dolmetscherin gearbeitet, weil es in der Ostschweiz einen Mangel an ausgebildeten Übersetzern und Übersetzerinnen gegeben hat. Eines Tages bekam ich einen Anruf von einer Dolmetscherorganisation, die mich gefragt hat, ob ich die somalische Sprache beherrsche. Ich habe Ja gesagt, und man hat mir vorgeschlagen, für sie zu arbeiten, aber unter der Bedingung, dass ich eine Ausbildung als interkulturelle Vermittlerin und Dolmetscherin absolviere. Das war 2017.

So habe ich mit der Ausbildung begonnen und daneben weiter übersetzt. Dabei habe ich bemerkt, dass im Bildungswesen und im sozialen Bereich immer wieder das Thema weibliche Genitalverstümmelung aufgetaucht ist. Für meine Ausbildung musste ich eine Arbeit schreiben und habe alle Organisationen in der ganzen Region kennengelernt. So bin ich mit meiner jetzigen Vorgesetzten von der Fachstelle Integration St. Gallen/Rheintal in Kontakt gekommen. Nach meiner Prüfung wurde ich dort als Schlüsselperson und Vermittlerin eingestellt.

Im März 2019 ist in der Schweiz ein neues Gesetz in Kraft getreten, welches die Asylverfahren neu geregelt hat. Innerhalb von drei Monaten sollte entschieden werden, ob die Menschen Zugang zum Asylverfahren bekommen oder nicht. Alle qualifizierten Dolmetscher und Dolmetscherinnen mussten an einem Seminar teilnehmen. Bei diesem Seminar hat eine Mitarbeiterin der Caritas ein Referat über weibliche Genitalverstümmelung gehalten und ihre Anlaufstelle vorgestellt. Ich erfuhr, dass diese Stelle vom Bund beauftragt worden ist und Menschen in der ganzen Schweiz erreichen soll. Da habe ich mich gefragt: Warum habe ich noch nie davon gehört, obwohl ich als Übersetzerin mit Fachpersonen und Lehrer*innen in Kontakt gekommen bin, die mit diesem Thema konfrontiert waren? Und warum haben die betroffenen Communities nicht davon erfahren?

Und so habe ich zusammen mit der somalischen Aktivistin Qatro Shire, die bei der Stiftung Mintegra in Buchs arbeitete, und der Fachstelle Integration St. Gallen/Rheintal ein regionales Netzwerk aufgebaut. Nach über drei Jahren intensiver Vorbereitung wurde Ende November 2021 der Verein gegen Mädchenbeschneidung gegründet. Am 6. Februar 2022 – pünktlich zum Tag gegen Mädchenbeschneidung – konnten wir unser Büro offiziell eröffnen, und ich bekam eine fixe Anstellung als Leiterin der Anlaufstelle.

TT: Mit welchen Problemen kommen die Frauen zu euch?

Bella: Am Anfang geht es meist um grundlegende Bedürfnisse. Die Genitalverstümmelung ist nicht der Hauptgrund für die Kontaktaufnahme, sondern all die Rucksäcke, die diese Frauen mit sich tragen, ihre Sorgen, die Sprachbarriere oder die Gewalt, von der sie betroffen sind. Es handelt sich um sehr vulnerable Frauen, die mit einer Vielzahl von psychischen und körperlichen Schwierigkeiten konfrontiert sind, mit Sorgen und Existenzängsten, die Liste ihrer Probleme ist unendlich.

TT: Kommen auch Frauen zu euch, die nicht von weiblicher Genitalverstümmeln betroffen sind?

Bella: Ja. Wir betreuen auch Frauen, die durch Krieg und Gewalt traumatisiert sind. Vor kurzem kam eine iranische Frau zu uns, die aufgrund der Massaker, die im Iran an Frauen und Protestierenden verübt wurden, mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hatte und nichts mehr essen konnte. Wir bieten psychosoziale Beratungen an, und das beinhaltet ja alles.

TT: Wie erfahrt ihr, dass Frauen von FGM/C betroffen sind?

Bella: In erster Linie geht es uns darum, die Frauen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu unterstützen und sie zu stärken. Erst wenn wir nach intensiven Gesprächen Vertrauen zu ihnen aufgebaut haben, kommt das Thema zur Sprache. Wir wissen aber grundsätzlich, dass Frauen aus bestimmten Ländern und Kulturen betroffen sein könnten. Da macht es keinen Unterschied, ob sie Musliminnen oder Christinnen sind, denn es handelt sich um kulturelle Praktiken, die in bestimmten Regionen und Kulturkreisen praktiziert werden.

Ich betreue zum Beispiel eine Frau, die mit ihren Kindern in der Schweiz um Asyl angesucht hat, das Herkunftsland möchte ich nicht nennen. Die Mutter der Frau verstorben, als sie noch ein Kind war, ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Als junge Frau hat man sie zwangsverheiratet oder besser gesagt, verkauft wie ein Stück Vieh. Ihr Mann hat sie behandelt, als wäre sie sein Eigentum, er hat sie geschlagen und viele Kinder gemacht. Als ihre Tochter älter wurde, wollte sie der Vater verheiraten, aber sie war noch nicht beschnitten.

Als die Frau eines Tages nach der Arbeit nach Hause kam, fand sie ihre Tochter, die in einer Ecke zusammengerollt lag. Man hatte sie während ihrer Abwesenheit und gegen ihren Willen dieser Tortur unterzogen. Das Mädchen hatte höllische Schmerzen und weinte die ganze Nacht. Am Morgen war ihre Blase so prall gefüllt mit Urin, so dass die Mutter keine andere Möglichkeiten sah, als einen scharfe Gegenstand zu benutzen, um die Harnöffnung zu befreien, damit sie urinieren konnte. Das Mädchen bekam eine Infektion und es hat lange gedauert, bis die Wunde heilte. Sobald die Wunde verheilt war, sollte sie an einen älteren Mann verheiratet werden, von dem der Vater bereits Geld erhalten hatte. Um das zu verhindern ist die Mutter mit zwei weiteren Kindern geflüchtet, ihre übrigen Kinder sie zurücklassen, weil sie nicht genug Geld hatte, um alle mitnehmen zu können. Nun sollte eine andere Tochter den Platz der Verschwundenen einnehmen. Diese ist allein geflüchtet, und die Frau weiß bis heute nicht, wo sie ist. Das alles hat die Frau mir im Büro erzählt. Ihre 16-jährige Tochter saß daneben und hat nur noch geweint. Mir war schlecht und ich musste mitheulen, aber als Fachperson, die psychosoziale Beratungen macht, muss ich stark bleiben, auch wenn ich selbst betroffen bin. Aber, wie gesagt, es geht nicht nur um die weibliche Genitalverstümmelung, die Frauen, die zu uns kommen, sind in jeglicher Hinsicht verletzt worden.

TT: Wie war es für dich, als du als Minderjährige mit deiner Schwester in die Schweiz gekommen bist?

Bella: Es war nicht leicht. Ich bin nicht direkt aus Afrika in die Schweiz gekommen, sondern aus Italien. Ich mein Zuhause wegen Gewalt in der Familie verlassen, weil ich einfach nicht mehr ausgehalten habe. Da ich zuvor in Italien gelebt hatte, wusste ich ungefähr, wie es in Europa läuft, aber es war schon streng. Als ich Ende 2005 in der Schweiz ankam, war ich gerade 16 Jahre alt, und alles, was ich verstanden habe, war "ch ch". Aber ich hatte Köpfchen. Mir war es wichtig, dass ich mit meiner Schwester zusammenbleiben kann. Ich hatte versprochen, auf sie aufzupassen, und dieses Versprechen wollte ich unbedingt halten. Um zu verhindern, dass uns die Behörden trennen, habe ich mich zwei Jahre älter gemacht, als ich tatsächlich war. Als volljährige Person durfte mich mit meiner Schwester zusammenwohnen und für sie verantwortlich sein.

TT: Was bedeutet es für dich, dass du von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen unterstützen kannst?

Bella: Ja, es gibt einen Grund, warum ich diese Arbeit mache. Es gibt einen Grund, warum ich heute in der Schweiz lebe und nicht bei meiner Familie in Italien geblieben bin. Ich selbst war mit Gewalt konfrontiert, als ich noch jung war. Hätte ich damals jemanden gehabt, der mich auffangen konnte, hätte ich vielleicht nicht so viel durchmachen müssen. Deshalb möchte ich den Frauen den Start ein bisschen erleichtern. Denn wer nicht stark genug ist, kann an den Herausforderungen zerbrechen. Oder eine falsche Entscheidung treffen. Es gibt genug Männer, die darauf warten, die vulnerable Situation minderjähriger Frauen auszunutzen. Davor möchte ich meine Klientinnen bewahren. Ich kann gar nicht in Worten fassen, wie stark mein Bedürfnis ist, diesen Frauen zu helfen, weil sie sonst einfach ausgeliefert sind.

TT: Ist es für dich vielleicht auch ein Ventil, um deine eigene Trauer und deinen eigenen Schmerz zu überwinden, indem du für andere Frauen kämpfst?

Bella: Ja, auf jeden Fall. Es hat immer etwas mit der eigenen Geschichte zu tun. Ich weiß, wovon ich rede. Mittlerweile bin ich eine Expertin auf dem Gebiet und werde oft für ein Referat eingeladen. Ich habe nämlich nicht nur über die Probleme der Frauen gelesen, sondern das alles selbst erlebt, und deshalb kann ich den Schmerz der Frauen nachvollziehen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn dir ohne Betäubungsmittel mit einem scharfen Gegenstand die empfindlichsten Körperteile herausgeschnitten und danach wieder zusammengenäht werden. Dieser Schmerz begleitet dich dein Leben lang. Wer das nicht selbst durchgemacht hat, kann zwar mitfühlen, den Schmerz aber nicht nachvollziehen. Das ist der Unterschied.

TT: Was sollte deiner Meinung nach unternommen werden, damit Praktiken wie Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, und andere Formen der Gewalt gegen Frauen abgeschafft werden?

Bella: Es ist wichtig, dass die Probleme an der Wurzel angepackt werden. Unsere Methode ist es, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den betroffenen Communities zu finden, die sich für die Abschaffung von FGM/C einsetzen. Ich selbst komme aus Somalia, und der Wunsch, etwas dagegen zu tun, ist von mir selbst aus entstanden. Wenn eine Schweizerin oder Österreicherin kommt und sagt: "Das müsst ihr ändern!", funktioniert es nicht. Je mehr Frauen oder Männern aus den betroffenen Ländern oder Regionen wir haben, desto mehr Chancen haben wir. Mein Vorbild sind Frauen wie Jaha Dukureh, die es geschafft hat, in Gambia ein gesetzliches Verbot von FGM/C durchzusetzen. Oder Sara Aduse, die in Äthiopien gegen die weibliche Genitalverstümmelung kämpft. Es lohnt sich, Frauen aus den Communities zu fördern. Sie sind wie kleine Pflanzen, wenn man ihnen Wasser gibt, können sie wachsen und sich entfalten.

TT: Welche Rolle spielen die Männer? Welche Rolle sollten sie spielen?

Bella: Eine sehr wichtige. Es macht mich wütend, wenn ein Mann sagt, dass es auch leichtere Formen der Beschneidung gebe, und dass diese nicht so schlimm seien. Darauf antworte ich: Wir müssen gegen alles kämpfen, was mit Gewalt an Frauen zu tun hat. Wenn die Männer nicht endlich Verantwortung übernehmen, wird es nie aufhören. Verantwortung heißt nicht nur, für einen vollen Bauch und ein Dach über dem Kopf zu sorgen. Das reicht nicht. Ein Kind braucht Liebe und Schutz. Und deshalb wünsche ich mir, dass alle Väter und alle Männer Verantwortung übernehmen und die Kinder schützen.

TT: Ist FGM/C ein nach Europa importiertes Problem?

Bella: Nein, die Genitalverstümmelung ist nicht nur ein afrikanisches Problem. Auch hier in Europa hat es Formen der weiblichen Genitalverstümmelung gegeben. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde die Entfernung der Klitoris als medizinische Maßnahme angewandt, wenn Frauen psychische Erkrankungen hatten oder masturbiert haben. Erst seit den 1960er Jahre wird diese Praxis als Menschenrechtsverletzung eingestuft. Manche Frauen unterziehen sich auch Schönheitsoperationen, um den Männern zu gefallen. Warum sollte eine Frau jemandem gefallen müssen?

TT: Erkennt man daran nicht sehr gut, dass es darum geht, die Frauen zu kontrollieren?

Bella: Ja genau. Weil es nicht der Norm entsprach, dass Frauen sich wehren, wurden sie als verrückt eingestuft. Und weil man glaubte, dass diese Verrücktheit ihren Ursprung in der Sexualität der Frauen hat, wollte man sie unterdrücken und kontrollieren. Man sieht, es gibt keinen Grund, auf andere Kulturen zu zeigen. Frauenunterdrückung und Gewalt an Frauen ist kein afrikanisches Problem, sondern ein weltweites. Afrika hat die Chance verdient, sich weiterzuentwickeln. Aber wir müssen mit solidarischen Menschen aus Europa zusammenarbeiten, damit wir die Grausamkeiten, die den Frauen angetan werden, gemeinsam beenden können.

TT: Was bedeutet für dich Gleichberechtigung?

Bella: Ich Wenn Frauen gebildet, unabhängig und selbstbewusst sind, können sie sich fremdbestimmten Entscheidungen widersetzen, frauenfeindliche Traditionen aufbrechen und die ganze Gesellschaft verändern. Wenn aber diese Frauen unterdrückt werden, kommt die ganze Gesellschaft nicht weiter. Deshalb sollten aktive und starke Frauen gestärkt, gefördert und unterstützt werden. Und die Männer müssen endlich aufhören, Frauen als Objekte zu betrachten, sondern als schöne und ebenbürtige Wesen, die sogar wertvoller sind als sie, weil sie die Welt mit anderen Augen betrachten: Frauen bringen Kinder auf die Welt, sie schenken ein Zuhause, sie halten die Familie zusammen.