Der Krieg um das Erdgas in Bolivien

01.07.2019

(c) AP / Natacha Pisarenko
(c) AP / Natacha Pisarenko
Der Zorn der Bevölkerung kochte über, als die Regierung im September 2003 den Verkauf der natürlichen Erdgasvorkommen ankündigte. Während ein großer Teil der Bevölkerung nicht einmal Heizung in Licht in ihren Wohnungen hat, plante die Regierung das erst kürzlich entdeckte Erdgas an ein internationales Konsortium angeführt vom spanischen Konzern Repsol, British Gas und Panamerican Gas, einer Tochter des skandalumwitterten US-Konzerns Enron zu verkaufen. Pipelines sollten gebaut werden, um das Gas an die chilenische Küste zu transportieren und es von dort nach Kalifornien und Mexiko zu verschiffen. Präsident Sánchez nannte das Projekt ein "Geschenk Gottes" und enthüllte damit, dass sein "Gott" globale Banken und Ölfirmen besitzt.

Ein Volk findet seine verlorene Würde wieder

Einen Monat lang erschütterte eine Volkserhebung die Andentäler Boliviens und zwang den verhassten Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada zum Rücktritt. Wie schon immer in der blutigen Geschichte des Landes antwortete die Regierung auf den Protest mit scharfer Munition. Der Präsident, ein Millionär und Eigentümer der größten privaten Minengesellschaft des Landes, floh in die USA und hinterließ einen Platz voller Leichen.

Bergleute und Bauern aus allen Teilen des Landes schlossen sich zusammen um sich gegen die Ausbeutung und den Raub der natürlichen Ressourcen ihres Landes zu wehren. Mit der Unterstützung von großen Teilen der Bevölkerung - LehrerInnen, LKW- und Taxifahrer sowie Krankenhauspersonal waren beteiligt - leisteten sie wochenlang mit Streiks und Straßenblockaden Widerstand. Tausende Menschen gingen auf die Straße und riefen: "Goni (so wird der Präsident von der Bevölkerung genannt), geh zurück nach Washington"!

Bolivien ist Südamerikas ärmstes Land. Eine kleine Elite von 4,5% besitzt 80% des fruchtbaren Landes, während sich die armen Bauern auf den steinigen Feldern in den Hochgebirgsregionen abmühen und ums nackte Überleben kämpfen. Außerdem wurden im Norden des Landes durch die US-Kampagne gegen den Coca-Anbau zahlreiche Felder zerstört und die Menschen ohne Einkommensquelle zurückgelassen.

Seit fünf Jahrhunderten ist der natürliche Reichtum des Landes ein Fluch für die EinwohnerInnen. In der Kolonialzeit war es das Silber aus Potosí, das den Aufschwung der Industrie in Europa mitfinanziert hat. Der Schriftsteller Eduardo Galeano beschreibt den Silberberg:

"Dieser 'Cerro Rico', der 'reiche Berg' verschlang Indios. Die indigenen Gemeinden verloren ihre männlichen Einwohner, die aus allen Richtungen als Gefangene in seinen Schlund getrieben wruden, der in die Minen führte. Draußen herrschte eisige dünne Höhenluft, drinnen die Hölle. Von zehn, die hineingingen, kamen nur drei lebendig wieder heraus. Doch die Minenarbeiter, die nicht lange überlebten, erzeugten den Reichtum der flämischen, genuesischen und Augsburger Bankiers, der Geldgeber der spanischen Krone. Es waren die Indianer, die Europa zu dem gemacht haben, was es heute ist. Was ist davon in Bolivien geblieben? Ein ausgehöhlter Berg und Hunderttausende tote Indios, durch Erschöpfung ermordet." (Bolivien, ein Land will leben, 2003)

Im 20. Jahrhundert war Bolivien der wichtigste Zinnlieferant. Während in den Tiefen der Bergwerke die Lungen der Minenarbeiter durch den giftigen Staub zerstört wurden, damit die Welt billiges Zinn bekam, half die boliviansiche Regierung im Zweiten Weltkrieg den Alliierten, indem sie das kostbare Mineral um nur ein Zehntel des üblichen Preises verkaufte. Die Löhne wurden praktisch auf Null gesenkt und die Streiks der Arbeiter mit Maschinengewehren niedergedrückt.

Doch das bolivianische Volk ist nicht mehr bereit, Verrat und Verachtung zu ertragen. Im Jahr 2000 entflammte ein Volksaufstand in Cochabamba gegen die Privatisierung des Wassers. Nachdem die Wasservorräte an den US-Konzern Bechtel verkauft wurden, waren die Preise so gestiegen, dass die Menschen es sich kaum mehr leisten konnten, zu trinken oder sich zu waschen. Den Menschen gelang es, ihr Wasser wieder zurückzuerobern, der Konzern Bechtel erhielt als "Trost" Millionenaufträge im Irak.

Der Aufstand des bolivianischen Volkes gegen den Ausverkauf der Erdgasvorkommen begann Ende September 2003, als die Bergleute und Bauern einen Generalstreik ausriefen und begannen, die Straßen nach La Paz zu blockieren. Dei bolivianische Regierung schickte Truppen, um die Straßenblockaden aufzubrechen. Doch die Campesinos im Dort Warisata in der Nähe des Titicaca-Sees waren entschlossen, die Barrikaden mit allen Mitteln zu verteidigen. In diesem Kampf massakrierte die Armee fünf Bauern.

Im Oktober wurde El Alto, eine verarmte Industriestadt zum Zentrum des Aufstands. Viele der jungen Arbeiter wurden durch die neoliberalen Reformen arbeitslos und haben sich radikalisiert. Einige Nachbarschaftskomitees übernahmen in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Volksküchen die Organisation des Protests. Durch Straßensperren in El Alto wurden die Konvios der Gastanker gehindert, die Hauptstadt zu erreichen. Als die Armee in die Stadt eindrang, wehrten sich die Menschen mit allem, was ihnen zur Verfügung stand: mit Stöcken, Steinen und Schleudern. Währenddessen besetzten Bergleute in Huanani die Minen des Präsidenten.

Eine Reihe von Massakern folgte. Mindestens 50 Menschen wurden von den Soldaten erschossen. Die Regierung schickte Todesschwadronen aus: vermummte Männer bombardierten Radiostationen und jagten die Führer der Aufständischen. Währen in Bolivien die Arbeiter ermordet wurden, verkündete in Washington Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice die Unterstützung der USA für die "demokratische" Regierung von Sánchez. Die bolivianische Armee verstand, wem sie zu gehorchen hatte, und verkündete ihrerseits die volle Unterstützung für den Präsidenten.

Der Generalstreik kam in seine dritte Woche und hatte sich von seinen Zentren in andere Gebiete ausgeweitet. Am 13. Oktober leerten sich die Straßen von El Alto und ein riesiger Menschenstrom marschierte in die Hauptstadt La Paz und lähmte dort das gesamte öffentliche Leben. Gemeinsam mit den Slumbewohnern der Vorstädte verschafften sich die Demonstranten Zutritt ins Zentrum der Stadt und kreisten den Präsidentenpalast ein. Am 14. Oktober fanden Begräbnisse und Märsche zum Gedenken der Ermordeten statt, während neue Delegationen von Bauern die Stadt erreichten. AM 15. Oktober wurden Tausende Bergarbeiter in den Minen von Huanani von der Armee angegriffen. Als sich die Regierung in den Palästen von La Paz beriet, wruden an den Polizeistationen weiße Fahnen als Zeichen der Neutralität angebracht. Eine Organisation von Polizistenfrauen organisierte sogar eine Demonstration zum Schutz der Barrikaden um sicherzustellen, dass kein Polizist die Menschen angriff.

Während sich in La Paz der US-Botschafter mit Vizepräsident Carlos Mesa traf, war "Goni" schon im Flugzeug nach Miami. Mesa kündigte ein paar Zugeständnisse an, doch er machte das Pipeline-Projekt nicht rückgängig. Der Krieg um das Erdgas ist noch lange nicht gewonnen und die korrupte Elite Boliviens an der Macht geblieben. Doch die Kraft und die Entschlossenheit des bolivianischen Volkes ist atemberaubend. Durch den Kampf für ihr Selbstbestimmungsrecht wurden die Massen mobilisiert und haben sich organisiert. Diese seit Jahrhunderten missachteten und betrogenen Menschen haben ihren Stolz und ihre Würde wieder gefunden und erfahren, was sie mit Einigekeit udn Geschlossenheit zustande bringen können.

erschienen in: Talktogether Nr. 7/2004